Diskussion über den Parc Adula im Centro Pro Natura Lucomagno

Das Abendessen im Pro Natura Zentrum dauert länger als gedacht, sodass es 21 Uhr wird, bis uns Zentrumsleiter Christian Bernasconi in den Seminarraum hinunter bitter. Zusammen mit den whatsalp-Mitwandernden hat eine interessante Runde den Weg nach Acquacalda gefunden, darunter der ehemalige SP-Gemeindepräsident von Blenio Marino Truaisch, unsere Gastgeberin Gina La Mantia, SP-Kantonsrätin und Gemeinderätin in Blenio, Blenio Viva-Präsidentin Alessia Baroni sowie Iwana Bornio und Ben Not von Blenio Viva. Ebenso mit dabei ist Ottavia Bosello, die an der Evaluationsstudie Parc Adula mitarbeitet. Wir sind im Pro Natura Zentrum Lucomagno, dem dritten Umweltbildungszentrum der grössten Schweizer Naturschutzorganisation nach Aletsch und Champ Pittet. Es ist vor einigen Jahren aus dem Centro Uomo Natura unseres alten Freunde Luigi Ferrari hervorgegangen.
Marino Truaisch hatte sich als Gemeindepräsident während acht Jahren intensiv für den Parc Adula engagiert, bevor im Gemeindepräsidium von einer Lega-Politikerin und Gegnerin des Nationalparks abgelöst wurde. Die Ablehnung des Parc Adula als eines wichtigen Projektes für die Zukunft des Tales durch die StimmbürgerInnen sei für ihn eine schmerzvolle persönliche Niederlage, erklärt Truaisch. Dies umso mehr, als fast alle wichtigen VertreterInnen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des Bleniotales ein Ja empfohlen hätten. Als Gründe für die Ablehnung sieht Truaisch eine No-Establishment-Bewegung, eine Art anarchischer Aufstand gegen die etablierte Politik, wie wir dies auch in anderen Landesteilen kennen. Obwohl die Vertreter des Parc Adula deutlich erklärten, dass es keine neuen Regelungen und nur wenige zusätzliche Einschränkungen geben würde, war die Angst vor Verboten gross. Vor allem davor, dass bestehende Gesetze nun auch tatsächlich durchgesetzt würden, zum Beispiel bezüglich den illegalen Fahren mit Motorschlitten auf dem Lukmanierpass.
Christian Bernasconi vom Pro Natura Zentrum bestätigt, dass es zwar Umweltschutzgesetze gebe, die Bevölkerung aber viele davon nicht beachten würde. Auffällig ist für ihn, dass im Bleniotal der Gemeinsinn keinen grossen Stellenwert habe nach dem Motto, „wenn ich meinen Käse verkaufen kann, so reicht mir das.“ Er betont aber auch, dass im Pro Natura Zentrum manche vorbeikamen, die sich zum Parc Adula positiv äusserten. Am Schluss seien sie dann aber doch gewissen Emporkömmlingen von der Lega-Partei auf den Leim gekrochen und hätten nein gestimmt.
Alessia Baroni erläutert die Ziele der Organisation Blenio Viva, welche nach der Ablehnung des Parc Adula neu gegründet wurde. Es gehe jetzt darum, das Gespräch in der Bevölkerung wieder aufzugreifen und neue gemeinsame Perspektiven für das Tal zu entwickeln. In Bezug auf den Parc Adula hatte sie etwas Gefühl, dass dieser zu wenig ein Projekt der Talbevölkerung gewesen sei. Vielmehr sei er als Projekt der anderen wahrgenommen worden, der Leute von Bern, Basel und Zürich. Tuaisch erwidert, dass die Rahmenbedingungen seitens des Bundes erst spät klar geworden seien, womit gewisse Nutzungen in der Kernzone weiterhin möglich gewesen wären. Die GegnerInnen hätten dann aber sofort gesagt, dass sei alles nicht wahr. Dabei habe die Charta, über die abgestimmt worden war, dies klipp und klar dargestellt.
Auch Sascha Pizzetti vom Management des Parc Adula gibt zu bedenken, dass sehr viel unternommen worden sei, um die Bevölkerung ins Boot zu holen. Zahlreiche Veranstaltungen, schriftliche Informationen und persönliche Gespräche hätten stattgefunden. Wer wollte, konnte sich über das Projekt informieren, aber viele seien eben nicht daran interessiert gewesen.
Es wird spät und Gina La Mantia, die Moderation und Übersetzung übernommen hat, schliesst das Gespräch. Oben im Restaurant serviert uns Christian Bernasconi noch einen feinen Kuchen und die Gespräche über dieses komplexe Thema klingen langsam aus.