Whatsalp am i-LivAlps Workshop der CIPRA vom 13. – 15. September im Centro Culturale Stroppo San Martino im Mairatal

Es ist bereits einige Jahre her, seit einige vom Kernteam zum letzten Mal im Centro Culturale Stroppo San Martino zu Gast waren. Umso herzlicher ist die Begrüssung in diesem legendären Gästehaus, das auch schon als „Salecina der Westalpen“ bezeichnet wurde. Andrea und Maria Schneider haben dieses Haus in den letzten 27 Jahren sozusagen aus dem Nichts aufgebaut. „Ende der 70ziger irrtümlich das Valle Maira entdeckt“, steht in der vor zwei Jahren erschienen Jubiläumsschrift. Das Abenteuer von Andrea und Maria begann 1982 mit der Gründung einer Feriensprachschule in Prazzo unten im Tal und vier Jahre später mit dem Kauf des ersten Hauses in Stroppo San Martino inferiore. 1990 eröffneten sie das Centro Culturale, ihre Gäste erreichten sie mittels Inseraten u.a. in der Berliner TAZ und in den Alternativmedien.

Die Grundidee von Andrea und Maria bestand darin, Menschen zusammen zu führen und diese in die Berge zu bringen, „aber nicht nur zum Picknicken“, wie Maria betont. Wichtig war ihnen auch der kulturelle Bezug mit Veranstaltungen und Auseinandersetzung mit der Region. Über die Jahre gelang es ihnen, weitere Häuser zu erwerben und das Centro weiter auszubauen. Dass immer mehr Menschen den Weg hierher ins Valle Maira fanden, war nicht zuletzt auch den ausgezeichneten Kochkünsten von Maria zu verdanken. 1992 kam TransALPedes auf Anregung von Werner Bätzing nach S.Martino. In der Folge entstand eine langjährige Freundschaft mit Andrea und Maria, nicht zuletzt auch über das Ferien- und Bildungszentrum Salecina in Maloja. Dieser Kontakt war der Anlass, dass Ursula Bauer und Jürg Frischknecht 1999 im Zürcher Rotpunktverlag das Wanderlesebuch „Antipasti und alte Wege“ schrieben. Es wurde ein grosser Erfolg und erschien dieses Jahr bereits in der achten Auflage. Bereits zuvor hatte Werner Bätzing mit seinem GTA-Führer die Percorsi Occitani und S.Martino als Posto Tappa bekannt gemacht.

Nach dem plötzlichen Tod von Andrea im Jahre 2004 führte Maria das Gästehaus mit Unterstützung von Frauen aus dem Tal und von Gästen alleine weiter. Längst im Pensionsalter, ging sie Ende 2016 in den Ruhestand und verpachtete das Haus an Kirsten und Richard, deren Gastfreundschaft wir diese Tage geniessen dürfen. Maria wohnt weiterhin in Stroppo S.Martino inferiore und ist im Haus präsent, indem sie sich um die Gäste kümmert. Unterdessen hat das Centro Culturale rund 3000 Übernachtungen im Jahr, obwohl es nur sechs Monate geöffnet hat. Es ist einer der wichtigsten touristischen Anziehungspunkte im Tal. In einem Interview würdigt die Regionalzeitung „ousitanio vivo“ diesen Sommer Maria als Pionierin des „turismo tedesco“ im Valle Maira. Diese Anerkennung bedeutet Maria sehr viel, denn es war für sie lange Zeit nicht einfach, sich zu integrieren, obwohl das Tal ihr und Andrea viel zu verdanken hat.

Die CIPRA hat sich entschieden, aus Anlass des Besuchs von whatsalp in S.Martino hier den letzten ihrer vier Workshops im Rahmen des Jugendprojekts i-LivAlps durchzuführen. Im Laufe des Abends treffen rund zwanzig Jugendliche aus verschiedenen Alpenländern ein, was Maria fragen lässt: „Wo kommen denn alle diese jungen Leute her?“ Das Ziel von i-LivAlps besteht in der Verbesserung des Austauschs zwischen AlpenexpertInnen, CIPRA-VertreterInnen und jungen Menschen zu relevanten alpenpolitischen Themen. Ebenso soll damit die internationale, interkulturelle und intergenerationelle Kooperation verstärkt werden. Das Thema dieses Workshops ist die soziale Innovation. Diskutiert werden Fragen wie: Was ist soziale Innovation und was nicht? Wie kann soziale Innovation dazu beitragen, nachhaltige Entwicklung in den Alpen zu fördern? Welche Rahmenbedingungen unterstützen (Kreativität und) soziale Innovation? Wie können AkteurInnen wie die Gemeinden und die CIPRA helfen, die Rahmenbedinungen für die Verbesserung der sozialen Innovation in den Alpen zu verbessern? Im Rahmen dieser Thematik befasst sich der Workshop nicht zuletzt mit dem Valle Maira, welches die Teilnehmenden als eine Art Laboratorium für soziale Innovation erfahren sollen.

Das Valle Maira ist eines der okzitanischen Täler im Piemont, welche seit Jahrzehnten von der stärksten Abwanderung im gesamten Alpenraum betroffen sind. Im oberen Teil des Valle Maira leben heute noch rund 4000 Menschen, um 1900 war es ein Mehrfaches davon. Viele Gemeinden haben heute eine Einwohnerzahl von unter hundert Personen, manche Borgate sind seit Jahrzehnten vollständig verlassen. Der grosse Auswanderungsboom ereignete sich ab den 1960er-Jahren, als die Automobilindustrie mit ihren Zulieferbetrieben in der Pianura grosse Werke eröffneten.

Heute leben die Einwohner im Tal vor allem vom Tourismus, aber die Bevölkerungszahl geht weiter zurück. Als wir hier 1992 mit TransALPedes Station machten, gab es im Valle Maira dreissig touristische Betriebe, heute sind es rund drei Mal soviele mit rund 2000 Betten, bei steigender Tendenz. Der Erfolg des Centro Culturale S.Martino motivierte zum Aufbau neuer Hotels und Gästehäuser. Nicht zuletzt durch den Input und die Mitarbeit von Andrea kam zur GTA das Rundwegenetz Percorsi Occitani hinzu. Die Wanderführer von Bauer/Frischknecht und Bätzing halfen mit, dass neue Gäste ins Valle Maira kamen und der Wandertourismus einen weiteren Aufschwung erfuhr. Neben den Gästen aus Deutschland kamen nun vermehrt auch solche aus der Schweiz.

Ein grosses Problem ist für die Menschen im Tal, dass sich der Tourismus grossmehrheitlich auf die warme Jahreszeit beschränkt. Der an sich attraktive Skialpinismus ist nur wenigen Orten in höheren Lagen möglich. Die BewohnerInnen beklagen, dass im Winterhalbjahr kaum eine Bar oder Lebensmittelgeschäft geöffnet hat. „Es ist für uns nicht möglich, Teilzeit in diesem Tal zu leben“, meint Roberto Colombero, Präsident der Unione Montana Valle Maira. Deshalb hat seine Organisation ein Projekt entwickelt, welches das Valle Maira aus der touristischen Monokultur herausführen soll. Es umfasst die Förderung der Landwirtschaft zum Beispiel mit Schaf- und Ziegenbetrieben, ein neues Schul- und Bildungszentrum, ein Help Care Angebot sowie ein innovatives Transportsystem. Die Region hat zu diesem 15-Millionen-Euro-Vorhaben, das die Basis für den Zuzug neuer EinwohnerInnen im Tal sein soll, bereits eine positive Rückmeldung geben. „Nun fehlt nur noch das Geld“, meint Colombero, „aber wir sind optimistisch, dass die Finanzierung zustande kommt“.

Zum Abendessen kommen alle im schönen Speisesaal des Centro zusammen, den Andrea und Maria vor einigen Jahren in einem separaten Gebäude eingerichtet hatten. Während des Essens spricht Maria und sagt, dass es für sie vor dreissig Jahren eine Lebensentscheidung gewesen sei, hier im Tal zu leben und zu arbeiten. Heute gebe es im Tal eine Gruppe von Jungen, die diese Entscheidung ebenfalls getroffen habe, und das stimme sie hoffnungsvoll. Sie fühle sich als Zeitzeugin der Entwicklung im Valle Maira. Maria betont, wie wichtig die Kooperation von Tourismus und Landwirtschaft sei. Leider existiere diese Zusammenarbeit im Valle Maira kaum, auch weil die Landwirtschaft von der Sömmerung von Kühen aus der Pianura dominiert werde und nur wenige eigene Qualitätsprodukte erzeuge. Auf die Frage von Barbara nach ihrer Beziehung zur Bevölkerung erzählt Maria, dass der Kontakt zu den Menschen im Tal von Beginn an sehr positiv war. Gerade die älteren Menschen, die früher im Ausland waren, seien ihnen gegenüber sehr tolerant gewesen. Dennoch werde bis heute vieles, was aussen komme, als Bedrohung wahrgenommen. Nach all dem, was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in Italien angerichtet hatte, ist es bemerkenswert, dass die Einheimischen zu Andrea und Maria sagten: „Ihr seid eine neue Generation von Deutschen und Österreichern, das hat nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun.“ Seit 1991 veranstaltete man jedes Jahr ein Fest für die TalbewohnerInnen, wo auch über die Aktivitäten von S.Martino berichtet wird.

Nach dem Abendessen begrüsst Paolo Rovera, Bürgermeister von Stroppo die Anwesenden. Er spricht die schwierige Bevölkerungssituation an, freut sich aber darüber, dass seine Gemeinde derzeit kaum mehr Einwohner verliert und 13 Schulkinder hat. Das Thema der sozialen Innovation habe für das Valle Maira einen hohen Stellenwert und er wünscht der CIPRA einen erfolgreichen Workshop. Christian Baumgartner, Vizepräsident von CIPRA International und whatsalp-Kernteammitglied erklärt, warum es wichtig sei, dass sich die CIPRA als Umweltschutzorganisation mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetze. Barbara Wülser, stellvertretende Geschäftsführerin von CIPRA International, stellt in diesem Zusammenhang kurz die neue Strategie der CIPRA vor. Darin fänden sich die beiden Schwerpunkte „Natur und Gesellschaft“ sowie „Wirtschafliche Transformation“. Sie erwähnt auch die aktuellen CIPRA-Publikationen Alps Inside, Szene Alpen und Jahresbericht. Michaela Hogenboom, Projektleiterin für Jugendprojekte bei CIPRA International, hat den Workshop vorbereitet und führt ins Programm ein. Dazwischen spielen Simonetta Baudino und Giuseppe Quattromini von der Gruppe Quba libre okzitanische Musik. Wir staunen, wie Simonetta es schafft, die Gironde (Drehleier) mit zwei sich ganz unterschiedlich bewegenden Händen zu spielen und wie Giuseppe dazu feurige Lieder singt.

Am Donnerstag Vormittag gibt uns Ermanno Bressy eine Einführung in die aktuelle Situation des Valle Maira. Bressy war langjähriger Präsident der Communità Montana und berichtete uns bereits vor 25 Jahren, wie er aus dem Valle Maira ein Experimentierfeld für neue Ansätze machen wollte. Heute ist er pensioniert, engagiert sich aber immer noch für sein Tal. Danach hält Matthias Mittendorf von der Schweisfurth Stiftung einen theoretischen Input zur sozialen Innovation, und die Jugendlichen verarbeiten das Gehörte in Gruppen. Am Nachmittag berichtet Roberto Colombero über die aktuelle Initiative der Unione Montana Valle Maira. Danach erläutert Corinne Buff, Projektleiterin bei CIPRA International, die Bedeutung der sozialen Innovation für die CIPRA. Am Abend berichtet die whatsalp-Kerngruppe über die Ergebnisse ihrer Alpentour und beantwortet Fragen der Jugendlichen.

Am Freitag geht es weiter mit vier Arbeitsgruppen: SIMRA: Social innovation in marginalized and rural areas (Cristina Dalla Torre, EURAC Bozen); Social innovation from Bad Tölz (Bavaria) to Basel/CH, Personal experiences from engagement in food and agriculture initiatives (Franziska Kunze, Bad Tölz); ADRETS/CIPRA France, Social Innovation in France and the potential for CIPRA (Jean Horgues-Debat, Präsident CIPRA France und whatsalp: Changes in the landscape and society (whatsalp-Kernteam).

Am Nachmittag präsentiert Michaela die Ergebnisse des Brainstorming mit den Jugendlichen zur Frage „was ist soziale Innovation?“. Dazu kamen folgende Stichworte: Austausch zwischen Generationen; Bedürfnisse, Ideen und Kreativität; Zusammenarbeit, Empowermant; gutes Leben, lebens- und Arbeitsgemeinschaften, mixed Realities, Ein- und Zweiheimische; Integration von Diversität; Zusammenarbeit, Menschen zusammenbringen; Erfahrung von aussen, Liebe; neue Ideen; Menschen, kommen und gehen, Handel, Wunsch für Veränderungen, Netzwerke, soziale Herausforderungen (wie Mitgration); Wertschöpfung; Transformation. Danach ist Zeit für Reflexionen einerseits durch die CIPRA (moderiert durch Barbara Wülser und Christian Baumgartner), andererseits durch die Jugendlichen (moderiert durch Toni Büchel und Michaela Hogenboom). Der produktive Tag schliesst mit einem feinen vegetarischen Buffet und der Musik von Paolo am Semitum, Martin an der Geige und Barbi am Bass.
Am anderen Morgen folgt die Closing Session, welche von Toni und Michaela zusammengefasst wird: „Wir machen weiter“. Dies nicht ohne dass die Mehrzahl der Jugendlichen eine Erklärung unterzeichnet, dass sie bereit sind, in 25 Jahren wieder eine thematische Alpendurchquerung à la TransALPedes (1992) und whatsalp (2017) anzugehen.