Wanderung mit Werner Bätzing nach Serre und Moriglione di fondo am 19. September

Bereits vor Monaten hatte uns Werner Bätzing zu einer Wanderung hinauf in die ehemaligen Borgate Serre und Moriglione di Fondo oberhalb von Sambuco eingeladen, ein Angebot, das wir gerne angenommen haben. Der Alpenforscher möchte uns an diesem eindrücklichen Beispiel die Veränderungen der Kulturlandschaft im Sturatal aufzeigen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen erläutern.
Unser Spaziergang beginnt auf dem Dorfplatz von Sambuco und Bätzing fragt uns ob wir wissen, wieso die Vorderseite des Albergo della Pace auf den Dorfplatz schaut, und nicht wie in Tourismusorten üblich in die freie Landschaft. Diese touristische Haltung hätte sich eben nur in Tourismusorten durchgesetzt, nicht aber in Sambuco. Wir steigen unter dem Monte Bersaio die Kulturlandschaft hoch und erfahren von unserem Begleiter allerlei. So sei unterhalb dieses Berges früher kein Wald gestanden und es wurden Roggen und Wintergerste angepflanzt. Und die Lawinen seien bis in Dorf hinuter gekommen was möglicherweise erkläre, dass die Kirche von Sambuco kein Kirchschiff besitze. Ausgedehnte ehemalige Ackerbauterrassen begleiten unseren Weg, der uns zunächst zu den verfallenen Weilern Serre inferiore und Serre superioie führt. Die Reste von Serre inferiore sind kaum mehr sichtbar, in Serre superiore steht noch einiges mehr.
Bätzing vermutet, dass es die Siedlung Serre bereits im Mittelalter gegeben habe, da die Menschen hier oben sicherer lebten als an der Durchgangsroute unten im Tal. Ab dem Jahr 1350 gebe es schriftliche Zeugnisse für das Bestehen von Serre. 1871 lebten in Serre inferiore und Serre superiore 82 Personen in 17 Familien – Bergbauern hätten damals übrigens nicht soviele Kinder gehabt, wie viele vermuten. Serre habe damals aus diesen und weiteren Ortsteilen bestanden, damit die Bauern nicht zu weit zu ihren Äckern gehen mussten. Das Ackerland sei in Privatbesitz gewesen, die Häuser gehörten wegen der Realteilung mindestens vier Eigentümern. Die Alpen und die Wege seien durch die Gemeinde verwaltet und gepflegt worden und es habe gemeinsame Backöfen gegeben. 1965 sei die letzte Familie aus Serre weggezogen.
Dann gehen wir weiter auf einem breiten gepflästerten Weg, der früher einmal die Hauptverbindung zwischen den Ortsteilen gewesen sein mochte und kommen nach Moriglione di fondo. Wir besichtigen ein eindrückliches Tonnengewölbe, mit dem üblicherweise die Keller angelegt wurden. Darauf stehen die schweren Mauern eines grossen Hauses, das noch halbwegs intakt scheint. In diesen Kellern lebten die Menschen im Winter mit den Tieren zusammen (sog. cohabitation invernale): Zwei Kühe an der Bergseite, vorne die Kochstelle, unter den Betten die Schafe, erläutert Bätzing. Damit sei keine Heizung notwendig gewesen und es habe mit Brennholz gespart werden können. Auf Sauberkeit habe man trotz der engen Verhältnisse Wert gelegt. In Moriglione di fondo habe noch bis zu ihrem Tod 1980 eine alte Frau gewohnt. Alle Versuche der Gemeinde, sie zum Umzug ins Altersheim im Tal zu bewegen, seien erfolglos geblieben, erzählt uns Bätzing.
Für eine Diskussionsrunde setzen wir uns vor eine Ruine und Werner Bätzing stellt die Frage nach Kulturlandschaft und Wildnis. Er hat zu diesem Thema die Streitschrift „Zwischen Wildnis und Freizeitpark“ veröffentlicht und war 2016 mit diesem Thema auch am Kulturseminar in der Stiftung Salecina dabei. Wollen wir eine neue Wildnis in den Alpen, wie sich uns diese hier offenbart? Oder müssen wir versuchen, die Zerstörung der alpinen Kulturlandschaften möglichst aufzuhalten? Obwohl Bätzing ein starker Anhänger der zweiten Position ist, zeigt er sich für das Sturatal pessimistisch. Eine Trendwende sei nicht in Sicht und die Entsiedlung werde wohl weitergehen, angesichts des aktuellen Abbaus von öffentlichen Dienstleistungen wohl noch verstärkt. Dies im Gegensatz zu den Gebieten auf der anderen Seite der Grenze in den französischen Alpen, wo verschiedene Faktoren zu einem flächendeckenden Bevölkerungswachstum geführt hätten.
Vielleicht wären wir in Zukunft froh um diese produktiven Flächen hier in den Tälern, die bald nicht mehr genutzt werden können, meint Bätzing und fragt, wie wir das sehen. Die meisten Anwesenden würden es begrüssen, wenn das Land hier für eine ökologische Landwirtschaft genutzt würde. Zum Beispiel innovative Kulturformen mit Heilkräutern wie dem Lavendel, der hier sehr gut gedeiht. Willi Sieber, der sich in Österreich intensiv mit Fragen von Landwirtschaft und Tourismus beschäftigt hat meint jedoch, dass nichts zu machen sei, wenn die ansässige Bevölkerung das nicht wolle. Dann sei es eben so und die Landschaft verwildere.
Wir kommen auf die Bätzing‘s Frage bezüglich Wildnis zu sprechen und ob diese bewusst gefördert werden soll. Es seien sehr unterschiedliche Voraussetzungen zwischen den Tälern hier und einem voll bewirtschafteten Alpental in der Schweiz oder in Österreich, meint Dominik. In diesen Ländern gehe es ja nicht darum, ganze Täler verwildern zu lassen, sondern allenfalls besonders wertvolle Gebiete unter Schutz zu stellen, zum Beispiel in den Talschlüssen. Hier im westlichen Piemont stelle sich die Frage anders, denn auch ohne formalen Schutz stelle sich die Wildnis von selbst ein, ob wir das wollten oder nicht. Werner Bätzing kann dieser Sichtweise beipflichten unter der Bedingung, dass die Bevölkerung vor Ort einverstanden ist. Wir schliessen die Diskussion und steigen auf der alten Mulattiera nach Sambuco ab, entlang eines ehemaligen Bial, wie hier die Bewässerungskanäle auf okzitanisch hier genannt werden.

Whatsalp – Über mystische Berge an noble Strände