Sardellenverkäufer, Priester und Geografen – von Stroppo S. Martino nach Sambuco, 16. – 18. September

Der Abschied in S. Martino von den FreundInnen bei der CIPRA, den Jugendlichen, Maria, Kerstin und Richard ist herzlich. Die nächsten Tage wandert eine Delegation der CIPRA mit uns mit. Dann wandern wir auf einem Teilstück der Percorsi Occitani hinunter nach Bassura, wo bereits der erste Kaffee wartet. Florian, der Sohn von Annette und Dominik, hat uns eine vegane Nusstorte gebacken, die wir mit Hochgenuss verzehren, begleitet von einer Diskussion über vegane Ernährung. Weiter geht es über den Fluss Maira durch einen dunklen Nadelwald die Nordseite hinauf zu den Häusern von Borgata Aramola. Eine gemischte Gruppe von jugendlichen und älteren Workshop-TeilnahmerInnen diskutierte gestern Abend intensiv, ob sie Maria das Haus abkaufen wollen, dass sie hier besitzt. Derzeit ist der Entscheidungsprozess darüber noch im Gang, ob das das erste konkret greifbare Ergebnis des Projektes i-LivAlps sein wird.
Für das Mittagessen hat uns Kerstin im Posto Tappa in Palent angemeldet. Als wir in diesem steil an einem Hang gebauten Bergdorf eintreffen, ist schon alles bereit. Paolo und Nicolo servieren uns einen feinen Dreigänger und wir sind ziemlich satt, als wir am Nachmittag zum letzten Teil der Tagesetappe aufbrechen. Über Colletto und Seromello kommen wir ins Tal von Celle hinunter und erreichen nach einem kurzen Aufstieg Celle di Magra. Hier erwartet uns Augusto Colombo, der 1992 die letzten zwei Wochen vom Mairatal bis und mit Nizza bei TransALPedes dabei war. Unterdessen ist er pensioniert und hat sich in Celle di Magra niedergelassen. Über den ehemaligen Sindaco von Celle di Magra Michelangelo ist er mit dem Ecomuseo Alta Valle Maira in Kontakt gekommen. Unterdessen ist er für das kleine Museum verantwortlich. Augusto macht mit uns eine Führung und erzählt uns die Geschichte von den Sardellenverkäufern aus Celle di Magra, die im Piemont für diese Tätigkeit so etwas wie ein Monopol besassen.
Nach einer komfortablen Nacht im vor einem Jahr vollständig renovierten und erweiterten Posto Tappa brechen wir Richtung Valle Grana auf. Wir kommen durch die in dieser Jahreszeit verlassene Borgata Castellaro, in dem in den letzten Jahren viele Häuser renoviert wurden. Von unseren Bekannten im Valle Maira haben wir erfahren, dass im Rahmen eines EU-Projektes grosse Geldbeträge für die Erneurung der Borgate in den Tälern Stura und Maira (auch Grana) zur Verfügung gestellt worden sind. Auch Private profitierten davon und konnten sich so offenbar ihre Ferienhäuser sanieren. Im Rahmen des EU-Projektes sollten die touristischen Strukturen mit neuen Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten gestärkt werden, doch davon sehen wir an den meisten Orten nichts. So bleiben die meiste Zeit menschenleere Geisterdörfer, die zwar nicht mehr wie vor 25 Jahren zerfallen, aber trotzdem die meiste Zeit menschenleer sind.
Wir kommen höher und höher und der Wald macht weiten Weiden Platz, es hat erstaunlich viele Kühe hier auf über 2000 m Höhe. Sie gehören Bauern und Grossbauern aus der Pianura, in den wenigsten Fällen sind sie von Landwirten aus dem Tal. Über die Basse di Narbona gelangen wir in einen grossen Bergkessel mit goldenen Herbstfarben. Beim Passo della Crosetta, wo die PilgerInnen ihre Holzkreuzchen aufstellen, stehen wir bereits hoch über dem Santuario di San Magno. Als wir unten ankommen, ist heute Sonntag gerade noch eine Predigt im Gang. Unablässig verkündet der Prete über den Aussenlautsprecher die Botschaft des Heiligen Geistes. Der gleiche Prete ist es, der uns am Abend in der Bar das Abendessen serviert. Sie hätten den Posto Tappa extra für uns offen gehalten meint er und schöpft nochmals kräftig nach. Die modern eingerichteten Zimmer des Posto Tappa befinden sich in den alten Mauern der Kirche und besitzen keine Heizung. So frieren wir unter dünnen Decken die ganze Nacht bei Minustemperaturen und sind froh, als der Morgen kommt.
Tatsächlich macht das Wetter zu und als wir auf dem Colle Fauniera sind, fallen ein paar Schneeflocken. Beim Abstieg kommen am Valle delle Spanioli vorbei, das an die Vernichtung einer spanischen Militäreinheit im spanischen Erbfolgekrieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts erinnert. Unterhalb des Passes wärmen wir uns mit Kaffee und Wein in einer Selbstkocherhütte auf, die von der Gemeinde Sambuco eingerichtet wurde. Nach einem steilen Abstieg kommt uns im Vallone della Madonna Werner Bätzing entgegen, in Begleitung vom Wuppertaler Geografen Stefan Padberg, den wir ein paar Tage zuvor in Elva kennengelernt hatten. Kurze Zeit später stossen Thomas Heilmann vom Zürcher Rotpunktverlag und seine Partner Ingrid Schmid hinzu. Werner setzt gleich mit einigen Erklärungen zur Landschaft an und erläutert uns die ehemalige Nutzung der gegenüberliegenden Steilhänge, bevor nach Sambuco ins Albergo della Pace absteigen.