Heiligtümer, Kriegsruinen und Skipisten – von Sambuco nach Le Boéron, 20. – 22. September

Wir verabschieden uns von Thomas Heilmann und seiner Partnerin Ingrid Schmid, dem Wuppertaler Geografen Stefan Padberg sowie den BuchautorInnen Sabine Bade und Wolfram Mikuteit und verlassen Sambuco. Gleich nach dem Dorfplatz kommen wir an einem Gebäude mit der Aufschrift „Centro di Documenzione“ vorbei. Hier waren wir 1992 zu Gast und liessen uns über die Arbeit der damaligen Communità Montana informieren. Regelmässig fanden hier Ausstellungen zu aktuellen Themen des Tales statt und erschienen Publikationen dazu. Diese Aktivitäten sind ziemlich eingeschlafen und das Centro scheint verlassen – vielleicht symptomatisch für die schwierige Situation, in der sich das Valle Stura befindet. Wir überschreiten den Fluss Stura und damit die geographische Grenze zwischen den Cottischen Alpen und Seealpen. Auf dem alten Militärweg gehen wir rechts oberhalb des Flusses eine Zeitlang das Tal hinunter, bis wir zur Abzweigung nach Bagni di Vinadio kommen. Die Suche im Gelände nach einem gemäss Wanderkarte existenten Weg bleibt erfolglos, und so bleiben wir auf der Talstrasse, die jetzt am Ende der Saison kaum mehr Autoverkehr aufweist. Den kleinen Bäderort Bagni di Vinadio treffen wir im Umbau an, das Badehaus ist eingerüstet und es scheinen intensive Arbeiten im Gang zu sein. Das Bad musste vor einigen Jahren geschlossen werden, offenbar weil es den hygienischen Anforderungen nicht mehr entsprach. Der Wirt der Bar, in der wir einen Kaffee trinken, ist allerdings nicht allzu optimistisch, dass diese wichtige Lebensader des kleinen Ortes so rasch wieder ihre Türen öffnet. „Vedremo come andrà a finire – wir werden ja sehen“, sagt er mit zweifelndem Blick. Wie viele Orte in diesen Tälern hat auch Bagni di Vinadio eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Schon früh als Bäderort bekannt, war es gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ein Hauptquartier der deutschen Wehrmacht, die von hier aus die italienischen Partisanen verfolgte.
Der Aufstieg hinauf zum Passo di Bravaria führt oben im Talschluss durch eine wilde Berglandschaft, in der zuerst Fichten- und Lärchenwald, dann eine karge Landschaft mit grossen Granitblöcke domininieren. Wir erinnern uns an die gestrige Diskussion mit Werner Bätzing über die alpine Wildnis. Hier oben musste der Mensch gar nichts weiter unternehmen, und die Wildnis hat sich ganz von selbst wieder eingestellt. Dann erreichen wir die scharfe Kante des Passes und erblicken schon unser Tagesziel, das Santuario di Sant’Anna. Oberhalb der Kirche empfängt uns Werner Bätzing und gibt uns einige Erläuterungen zum Ort. Er will sich hier eine Rezitation von Dantes göttlicher Komödie anhören, die ein alter Bekannter aus dem Valle Naraissa vor seinen Schülern hält – er ist Professor am Gymnasium in Saluzzo und mit seinen Eleven auf einer mehrtägigen Bergwanderung unterwegs. Sant’Anna ist wie San Magno kein Kloster, sondern ein Wallfahrtsort. Lange Zeit von Geistlichen als Hospiz auf über 2000 m ü.M. unterhalb des Überganges zwischen Tinée- und Sturatal betrieben, kennt es seit den 1950er-Jahren nur noch Sommerbetrieb, im Winter liegt hier meterhoch Schnee und alles ist geschlossen. Es folgt ein Besuch in der Kirche mit ihren vielen Ex voto-Bildern – die Juve-Fahne von der Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion von 1985, die uns schon 1992 beeindruckte, hängt immer noch dort. Dann gibt es Abendessen, und mit uns frieren auch die Schüler aus Saluzzo im ungeheizten Speisesaal des Rifugio Alpino Casa S.Gioachino, einer modern umgebauten ehemaligen Militärkaserne. Unser Mitwanderer Thomas schafft es, bei der Reception ein Heizöfeli zu ergattern, das er in sein Zimmer stellt, sodass wir nach dem Essen noch einen Jass kopfen können.
Oberhalb von Sant’Anna ist die Landschaften überzogen von alten Militärstrassen. Sie stammen teils aus der Mussolini-Zeit und sind teils noch älter und führen auf die verschiedenen Übergänge ringsherum. Im Juni 1940 überfielen die italienischen Truppen Frankreich mit dem Ziel, Marseille zu erobern. Damals lag hier oben noch sehr viel Schnee und es herrschte schlechtes Wetter, sodass der Angriff von den Franzosen abgewehrt werden konnte. Oberhalb des Sanktuariums kommen wir an jenem Fels vorbei, auf dem nach der Legende die heilige Anna ihre Erscheinung hatte, die zur Gründung des Sanktuariums führte. Eine breite Steintreppe erlaubt auch weniger sportlichen Menschen, den Felsklotz zu erklimmen und der Anna-Statue einen Besuch abzustatten. Nun nehmen wir den direkten Weg, um auf den weiten Bergrücken zu gelangen, von wo sich der Blick tief hinab in die Tinée auftut.
Entlang des nun folgenden Gratweges kommen wir an einer ganzen Sammlung von Grenzsteinen aus den Jahren 1947 bis 2013 vorbei. Nachdem das Gebiet vom Tinée-Tal bis zum Tendapass 1947 wieder an Frankreich ging, war der genaue Grenzverlauf offenbar lange Zeit nicht klar festgelegt. Und obwohl schon über siebzig Jahre vergangen sind, sind die Spuren des letzten Krieges noch überall sichtbar: Ruinen von alten Bunkern und Kasernen, Stacheldrahtverhaue, übewachsene Granattrichter und anderes. Erinnerungen an einen blutigen Krieg, den wir uns heute bei dieser Stille in dieser Berglandschaft hier oben nur schwerlich vorstellen können.
Wir sind nun auf dem Balcon du Mercantour in der Umgebungszone des Nationalparks Mercantour. Diese Bezeichnung passt gut zum hohen runden Bergrücken mit seiner erhabenen Aussicht, auf dem wir uns die nächste Stunden bewegen. Hoch über den Station Isola 2000 gelegen, entwickelten Promotoren hier ein Projekt für den Luxustourismus mit komfortablen Lodges und Freizeitangeboten. Die Vereinigung Vigilance Mercantour, die sich dagegen gebildet hatte, trug wesentlich dazu bei, dass diese Pläne bisher nicht realisiert wurden. Wir kommen zur Passhöhe des erst 1978 eröffneten Colle Lombarda hinunter, der das Sturatal an die Skistation Isola 2000 anbindet. Neben der Strasse verkündet ein grosses Mahnmal die Freundschaft zwischen einstmals verfeindeten Tälern und feiert die Eröffnung des völkerverbindenden Passübergangs. Vom Pass geht es auf einem steinigen Pfad weiter und nach einiger Zeit werden die Bahnen, Pisten und Hochbauten von Isola 2000 sichtbar.
Der Ort entstand 1971 auf einer Alp als Skistation der dritten Generation. Wie bereits für Les Arcs und Tignes bildete der französische „Plan Neige“ die Basis, für den 1968 Fachleute – darunter eine Reihe von Geografen – u.a. mittels Luftbildaufnahmen den französischen Alpenraum systematisch bezüglich seiner Eignung für Skigebiete analysierten. Skifahren sollte für alle möglich werden und musste darum möglichst effizient und billig angeboten werden. Die Planung der rund achtzig Stationen v.a. in den Alpen erfolgte zentral von Paris aus, der Staat stellte zentrale Infrastrukturen zur Verfügung, Private investierten in die Immobilien, die BewohnerInnen vor Ort hatten dazu wenig zu sagen. Während unten im Talkessel die Appartementkomplexe mit rund 10‘000 Betten liegen, fallen uns gegenüber an den Berghängen die brutal in die Landschaft geschlagenen Skipisten auf. Wir treffen am frühen Abend in Isola 2000 ein und gehen gleich ins einzige Lokal, das zu dieser Jahreszeit offen hat. Die etwas oberhalb gelegene Gîte, in der wir vor 25 Jahren übernachteten, existiert nicht mehr.
Wir hatten gestern Abend in einem der wenigen offenen Lokale gut gegessen, aber die Übernachtung im ebenso kleinen wie teuren Appartement war durchzogen. Das dreistöckige Bett war so klein, dass Dominik die Matratze auf den Boden legen musste. Mangels Decken wurden die Vorhänge demontiert und zweckentfremdet. Das Pünktchen aufs i: Heute Morgen gibt es im ganzen Resort nirgends ein Frühstück. In einem Pistenrestaurant, in dem Mitarbeiter gerade einen Kaffee trinken, ergattern wir uns zwei kostspielige Stück Tarte. Froh, dass wir diesen ungastlichen Ort so rasch als möglich wieder verlassen können, brechen wir Richtung Col Mercier auf. Unterwegs bewundern wir noch das neue Speicherbecken, in dem Wasser für die Schneekanonen gesammelt wird, die schon bald wieder zu laufen beginnen; in einem Kleinkraftwerk wird gleichzeitig Energie gewonnen.
Am Pass erreichen wir die Kernzone des Parc Mercantour, die in Frankreich couer genannt wird. Die hässlichen Bauten der Skitation sind nun ausser Sichtweite und der ständige Baulärm rund um die Skistation ist verschwunden. Durch eine wilde Hochgebirgslandschaft mit ihren hellbrauen und bläulichen Farben und weiter unten durch Lärchenwald wandern wir weiter zum Col de Salèse und dann das gleichnamige Tal hinunter nach Le Boréon mit seinem Stausee. Der freundliche Wirt der Gîte d’Etappe empfängt uns auf der Terrasse mit einem grossen Bier.