Wilde Wasser und ItalienerInnen – vom Iselsberg nach Sillian

Ein Sportgeschäft aus dem Pustertal hat uns zwei Fahrräder auf den Iselsberg gebracht, mit denen wir nun drei Tage durchs Pustertal unterwegs sein werden. Sogar Satteltaschen und Gummizüge sind dabei, sodass wir beim mühsamen Bergauftreten unser Gepäck nicht auf dem Rücken tragen müssen. Immerhin haben wir heute eine Höhendifferenz von 500 Metern zu überwinden. Doch die ersten Kilometer geht es bergab und wir nehmen die kurvige alte Landstrasse hinunter in den Osttiroler Hauptort Lienz unter die Räder. In Dölsach holen wir Claudia an ihrem Wohnort ab, die heute mitradelt und uns mit allerlei Wissenswertem über das Osttirol versorgt.
Harry hat auf der Karte die alte Römerstadt Aguntum entdeckt und so steuern wir, unten im Drautal angekommen, das Gelände des vor ein paar Jahren erstellten archäologischen Parks an. Mit dem Velo gelangen wir von hinten auf das Gelände, und schon bald kommt uns ein Verantwortlicher entgegen und bittet uns zum Ticketschalter. Er verdächtige uns wohl, dass wir den Eintrittspreis von 7 Euro sparen wollten. Schliesslich zeigt er uns aber einen interessanten Film über diese grösste römische Siedlung der Ostalpen, deren Ausgrabungen sich über 30‘000 qm erstrecken. Wir erfahren, dass noch im 16. Jahrhundert Ruinen der Stadt sichtbar gewesen seien. Deshalb sei damals die Sage von der Zwergenstadt aufgekommen. Von den Gebäuden seien nur noch die niedrigen Gewölbe und Gänge erhalten geblieben, und die OsttirolerInnen seien davon überzeugt gewesen, dass die Räume nur von Zwergen bewohnt worden waren. Dank umfangreichen Ausgrabungen seit dem 18. Jahrhundert können wir neben dem Museum die eindrückliche Stadtmauer, das Atriumhaus, die Therme, das so genannte Handwerkerviertel und die Markthalle besichtigen.
Auf unserer Weiterfahrt passieren wir einen einsam an der Drau liegenden Friedhof, der unser Interesse weckt. Es ist der Kosakenfriedhof im Lienzer Ortsteil Peggetz, der an die Lienzer Kosakentragödie erinnert, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hier zugetragen hat. Militärische Koskakenverbände aus Russland, die sich im Krieg auf die Seite der deutschen Wehrmacht geschlagen hatten, lagen nach ihrer Kapitulation vor der britischen Armee bei Lienz und es drohte ihnen die Zwangsrückführung in die Sowjetunion. Zahlreiche Soldaten und Familienmitglieder, die den Kosakenverbänden gefolgt waren und auf neue Siedlungsgebiete im Friaul gehofft hatten, starben in direkter oder indirekter Folge der Gewaltanwendung durch britische Soldaten. Viele kamen beim Versuch um, sich durch die damals hochgehende Drau zu retten. Eine ältere Frau, die sich um den Friedhof und die kleine Kapelle kümmert, erzählt uns, wie sie als kleines Mädchen die schrecklichen Ereignisse miterleben musste.
Emotional aufgewühlt steigen wir wieder auf unsere Velos. Unser nächstes Ziel ist die Dolomitenstadt Lienz, zwar deutlich jünger als Aguntum, aber dennoch um die 1000 Jahre alt. Wir radeln in die Altstadt hinein und geniessen in einem Café auf dem Hauptplatz einen Eisbecher. Heute sind wir allerdings nicht allein, ist doch Schulschlusstag vor den langen Sommerferien, und viele Eltern bevölkern mit ihren Kindern die Innenstadt. Für unsere Begleiterin Claudia ist das Regionalzentrum mit seinen 12‘000 EinwohnerInnen zu hektisch und sie meidet es wenn immer möglich. So brechen wir bald wieder auf und verlassen den Ort über den Drautal-Radweg. Bereits seit Tagen werden wir von verschiedener Seite vor dem Befahren dieses Weges in Aufwärtsrichtung gewarnt. Das Problem seien die Italiener, welche mit ihren Velos in grosser Zahl das Drautal hinunterbrausten und nicht auf den gelegentlichen Gegenverkehr achteten. In einer Saison sollen nicht weniger als 150 – 200‘000 Velofahrer auf dem Drauradweg sein. Tatsächlich kommen uns in den nächsten Stunden Hunderte von VelofahrerInnen entgegen, sodass wir uns stark auf den Weg konzentrieren müssen. Insbesondere in den Kurven wird manchmal kritisch, wenn die Ciclisti aus Südtirol in hohem Tempo nebeneinander radeln und palavern. Dennoch erleben wir die Situation weniger dramatisch als erwartet.
Wir befinden uns nun im Osttiroler Teil des Pustertales, wobei sich die Einheimischen darüber streiten, wo es genau beginnt, ob in Lienz oder erst weiter oben. Verschiedentlich wird uns in diesen Tagen über den Graben berichtet, der zwischen den PustertalterInnen und den LienzerInnen bestehe. Wir können das nicht ganz verstehen, ist doch Lienz für die Region das wichtigste Zentrum und Arbeitsort von vielen Einheimischen. Die Drau, der wir entlang fahren, ist ein hier noch ein richtig wilder Gebirgsfluss. Er entspringt im Südtiroler Teil des Pustertals und vervierfacht seine Grösse in Lienz durch die Aufnahme der Isel. Die Drau durchfliesst Osttirol, Kärnten, Slowenien, Kroatien und Ungarn, bevor sie als breiter Strom unter dem Namen Drava in die Donau mündet.
Der Radweg geht noch eine ganze Weile hinauf und hinunter, bevor wir am Nachmittag unser heutiges Ziel Sillian erreichen. Hier liegt das Flussbett der Drau teilweise über dem Niveau des Dorfes und es bestand ein grosses Überschwemmungsrisiko. Deshalb wurde die Drau in den letzten Jahren in ein tieferes Bett gelegt und dabei gleichzeitig revitalisiert. Der Flussraum präsentiert sich heute als attraktives Erholungsgebiet, und an diesem warmen Sommertag sitzen viele Einheimische und Gäste am Ufer und erfrischen sich im kühlen Nass. Im Hotel Perfler warten schon unsere Gastgeber. Sie haben sich in wochenlanger Vorarbeit auf die heutige Abendveranstaltung vorbereitet: Peter Hasslacher und Josef Essl, Präsident und Geschäftsführer von CIPRA Österreich, Anton Sint, Obmann der Sektion Sillian des Oesterreichischen Alpenvereins und Benedikt Sauer, Buchhautor und freier Journalist.

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