Verlassene Dörfer und alte Wege – Vom Refuge Viso nach Stroppo S. Martino, 11. – 13. September 2017

Der gestrige Ruhetag im Refuge Viso war zwar erholsam und einige unternahmen noch einen Ausflug auf den Col de la Traversette. Doch die kalte, tagsüber ungeheizte Hütte präsentierte sich uns alles andere als gemütlich. Zum Glück kochte Gastgeberin Sarah sehr gut, was die unfreundliche Hüttenatmosphäre etwas ausglich. Der Monviso ist schon fast wieder schneefrei, als wir heute Morgen bei blauem Himmel aufbrechen. Rasch lassen wir das Hochplateau hinter uns und gehen zum Col de Valante hoch und von da zum italienischen Rifugio Vallanta mit seiner futuristischen Architektur hinunter. Wir sind nun im neuen Regionalpark Parco del Monviso, den die Region Piemont im Jahre 2016 eingerichtet hat. Er ist Bestandteil des gleichnamigen grenzüberschreitenden UNESCO-Biosphärenreservates zwischen Italien und Frankreich.
Im Vallanta-Tal überrascht uns eine grosse Kuhherde, ein in diesem Teil der italienischen Alpen eher seltenes Bild. Weiter unten im Tal, der dieses Jahr halbleere Castello-Stausee ist schon sichtbar, liegt linkerhand der Bosco d’Alleve mit seinen alten Baumbeständen. Mit einer Fläche von 825 Hektaren ist es der grösste Lärchenwald Italiens, vielleicht sogar Europas. In den warmen Südhängen stehen hier einzelne Arven bis in eine Höhe von über 2500 m ü.M. Im Gegensatz zu vielen anderen Standorten konnte dieses urwaldähnliche Gebiet erhalten werden. Dies hängt mit seinen kargen Böden zusammen, und die Bevölkerung wusste schon früh, dass eine Rodung zu Ödland führen würde. So war es früher sogar strafbar, sich mit einer Axt oder einer Säge dem Wald zu nähern.
Wir kommen in die Frazione Castello der Gemeinde Pontechianale hinunter. Im Valle Varaita sind wir nun in einem jener okzitanischen Täler, die Werner Bätzing so treffend beschrieben und analysiert hat. Wir werden dem bekannten Alpenforscher in einigen Tagen in Sambuco begegnen. Unsere heutige Unterkunft ist im komfortablen Rifugio Aleve, die als Posto Tappa von der Gemeinde eingerichtet worden ist. Am Abend treffen wir hier eine grosse Delegation aus dem Valle Varaita, um über Projekte und Zukunftsmöglichkeiten dieses Tals zu diskutieren.
Mit vielen Präsentationen und Diskussionen ist es gestern in Abend sehr spät geworden, sodass wir heute nicht so früh aufbrechen. Zunächst geht es dem historischen Talweg entlang nach Casteldelfino, mit seinem Freilichtmuseum über die „Santi del Popolo“. Das elegant gestaltete Monument „Monvisiono“ erinnert an die Erstbesteigung des Monte Viso, die 1863 von Casteldelfino aus unternommen wurde – und an die erste Frauenbesteigung ein Jahr später. Nach einem Cappuccino in der Bar bei der Tankstelle geht es weiter ins Val Bellino mit der kleinsten Gemeinde des Valle Varaita hinein. Blins (das ist der okzitanische Name von Bellino) hat inklusive Bürgermeister noch ein paar Dutzend EinwohnerInnen. Mit seinen grossen Häusern in fünf Borgate war Blins einmal eine der wohlhabendsten Gemeinden des Tals. Die ausgedehnten und saftigen Weiden boten Platz für viele Kühe, aus deren Milch die Bellinesi den weitherum bekannten Tome-Käse herstellten. Wir kommen in den Ortsteil Chiesa, wo wir 1992 im Posto Tappa übernachteten. Unterdessen sind die meisten Häuser renoviert, doch das Dorf wirkt ausgestorben und wir treffen kaum einen Menschen an. Bei den letzten Häusern machen wir Mittagsrast, direkt auf dem Trassee des ehemaligen Skilifts, dessen verrostete Masten immer noch in der Landschaft stehen.
Wir befinden uns nun auf dem Weitwanderweg Grande Traversata delle Alpi (gta). Die gta hat eine lange Geschichte und war wichtig für die Entwicklung des sanften und naturnahen Tourismus in diesem Teil der Westalpen. Die Route führt über rund fünzig Tagesetappen dem gesamten nordwestitalienischen Alpenbogen entlang vom Monte Rosa im Wallis bis zu den Ligurischen Alpen ans Mittelmeer. Unterwegs werden zahlreiche unbekannte, teilweise menschenleere und touristisch absolut unerschlossene Gebiete durchwandert. Dominik und Harry waren mit TransALPedes zum ersten Mal hier und haben auf der gta später mehrmals Wandergruppen aus Deutschland und der Schweiz begleitet.
Nach einer Siesta brechen wir auf und sind wir innert zwei Stunden auf dem Colle Bicocca. Obwohl wir es eigentlich hätten wissen müssen, sind wir dennoch überrascht von den oben auf dem Pass parkierten Autos. Aus dem Valle Maira führt nämlich die „Kanonenstrasse“ auf die Passhöhe; sie ist im Tal gerade Gegenstand von Diskussionen, weil hier der Verkehr für den 4×4-„Sport“ freigegeben werden soll. Für eine Gebühr von zehn Euro sollen künftig Touristen – viele übrigens aus Deutschland – mit ihren Fahrzeugen die stille Gegend verlärmen und verstinken dürfen. Wir versuchen, den eben heranbrausenden Motocross-Fahrer zu ignorieren und geniessen lieber die überwältigende Aussicht ins Valle Maira hinunter, die bis ins Argentera-Massiv reicht.
Der Abstieg hinunter nach Elva führt über ausgedehnte Alpweiden, auf denen auch hier wieder zahlreiche Kühe weiden. Wie schon Blins profitierte auch Elva von seiner Gunstlage und war früher eine der reichsten Gemeinden im Valle Maira. Elva hatte vor 25 Jahren noch rund 200 Einwohner, heute sind es unter 100 – vor einem Jahrhundert waren es mehr als zehnmal so viele. Als wir 1992 hier vorbei kamen, schien das Dorf verlassen und zerfallen. Heute fällt uns auf, dass die meisten Häuser renoviert sind. Später berichtet die Wirtin der Locanda San Pancrazio, dass bis 2013 erhebliche EU-Gelder in die Erneuerung der alten Häuser des Ortes geflossen sind. Die ehemalige Bürgermeisterin von Elva merkt kritisch an, dass diese finanziellen Beiträge nun deutlich reduziert wurden. Am anderen Morgen kriegen wir in der Locanda eine erregte Diskussion unter zwei Gästen mit, offenbar beide ehemalige Sindacos. Thema der Debatte sind die enormen finanziellen Probleme, mit denen italienische Berggemeinden heute zu kämpfen haben.
Der Weg nach S.Martino folgt der schönen, alten Mulattiera, die Elva bis in die 1950er-Jahre mit der Aussenwelt verbunden hat. Die aufwändig in die Vallone-Schlucht gelegte neue Strasse wurde erst 1955 eröffnet. Doch diese steinschlaggefährdete Verbindung ist seit drei Jahren aus Sicherheitsgründen gesperrt. Um nach Elva zu gelangen, muss man nun die längere Strasse über den Berg benutzen. Eine Ausstellung über die Wege und Strassen ist in der Kirche von Elva zu sehen. Über den Col Giovanni und den Colle Bettone wandern wir hinüber nach Stroppo in die Borgata San Martino inferiore, wo wir im Centro Culturale Borgata San Martino schon von Kerstin und Richard erwartet werden. Es waren Andrea und Maria Schneider, die dieses besondere Gästehaus 1990 eröffnet haben, das wir mit TransALPedes zwei Jahre später kennenlernten. In der Folge entstand einge enge Beziehung mit FreundInnen rund um das Ferien- und Bildungszentrum Salecina in Maloja. 1999 veröffentlichen Ursula Bauer und Jürg Frischknecht im Rotpunktverlag das Lesewanderbuch „Antipasti und alte Wege“, das dieses Frühjahr in der 8. Auflage erschienen ist. Das Buch ist ein Standardwerk über das Mairatal und hat viel zum Aufschwung des sanften und naturnahen Tourismus in dieser Gegend beigetragen.