Treffen mit einem Vertreter des Nationalpark Vanoise und GemeinderätInnen der Gemeinde Val-Cenis am 30. August 2017 in Termignon

Rémy Zanatta, Bürgermeister der Gemeinde Val-Cenis, begrüsst uns um 16 Uhr im Maison du Parc in Termignon herzlich und stellt uns Laurent Perimusé vom Nationalpark Vanoise vor. Laurent leitet derzeit ad interim den Sektor Haute Maurienne mit sechs von insgesamt dreissig Rangern im Nationalpark. Wir werfen zuerst einen Blick in die Ausstellung, die Natur der Vanoise zum Thema hat, sich aber auch mit dem Tourismus beschäftigt. Über dem Eingang hängt ein grosses Plakat mit einem mächtigen Bartgeier, der auch hier zu einem Symbol des Nationalparks geworden ist.
CIPRA France hat dieses Treffen vorbereitet und Geschäftsführer Marc-Jerôme Hassid führt in die Nationalpark-Thematik ein. Der Vanoise-Nationalpark wurde im Jahre 1963 als erster Nationalpark Frankreichs gegründet, mit einer Fläche von knapp 2000 qkm. Bis heute kamen neun weitere Nationalparks hinzu, darunter in de Alpen die Nationalparke Ecrins und Mercantour. Das Hauptziel der Schaffung des Vanoise-Nationalparks bestand darin, die letzten dreissig Steinböcke vor der Ausrottung zu bewahren, heute gibt es wieder 2000 Exemplare davon. Der Nationalpark entstand vollständig auf öffentlichem Land und wurde in eine Kernzone (ca. ein Viertel der Fläche, heute „coeur du parc“) und in eine Aussenzone (heute „aire optimale d’adhésion“) unterteilt. Die Kernzone ist streng geschützt, in der Aussenzone sind Bauten und Anlagen grundsätzlich möglich, müssen aber in Paris die ordentlichen Bewilligungsverfahren durchlaufen.
Laurent fügt hinzu, dass die französische Regierung mit dem neuen Nationalparkgesetz von 2006 eine Dezentralisierung ihrer Nationalparkpolitik beschloss. Mittels einer von den Nationalparkgemeinden zu ratizifizerenden Charta sollen diese stärker in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Er erwähnt, dass von den 29 Nationalparkgemeinden der Vanoise bisher erst zwei Gemeinden die Charta unterschrieben hätten. Den meisten Gemeinden gehen die Befugnisse der Nationalparkverwaltung weiterhin zu weit und sie möchten im Nationalpark mehr Einfluss erhalten. Die Verhandlungen zur Bereinigung der Situation laufen derzeit auf höchster Ebene.
Wir haben viele Fragen, die Laurent nicht alle beantworten kann: Warum ist es möglich, in einem Nationalpark Tourismusresorts, Skilifte, Pisten und Schneekanonen zu erstellen? Wie stark werden die landwirtschaftlichen Aktivitäten der Bauern in der Kernzone entschädigt? Wie viele Menschen besuchen den Nationalpark und welche Bedeutung hat er für den Tourismus? Laurent berichtet dann über die Aufgaben in seinem Bereich, wo die Sensibilisierung der BesucherInnen, die Pflege von Flora und Fauna, aber auch die Kontrolle der Einhaltung der Vorschriften im Nationalpark im Zentrum stehen. Auf die Frage, was aus seiner Sicht die grösste Herausforderung für den Nationalpark Vanoise darstellt meint er, dass die lokale Bevölkerung realisieren müsse, dass der Park nicht gegen sie, sondern für sie da sei.

Während wir mit Marc-Jerôme und Laurent am Diskutieren sind, treffen weitere Gäste im Maison du Parc ein. Hinter uns wird ein Buffet mit kulinarischen Köstlichkeiten aus der Region aufgebaut. Wir unterbrechen das Gespräch und gesellen uns zu den neu Angekommenen. Es sind Bürgermeister und GemeinderätInnen des Gemeindeverbandes Haute Maurienne, der von Puy-St-André bis Bonneval reicht, die Rémy Zanatta zu dieser zweiten Gesprächsrunde begrüsst. Anwesend sind auch VertreterInnen der Tourismusorganisation der Haute Maurienne. Zanatta möchte die Ankunft von whatsalp nutzen, um mit den LokalpolitikerInnen vertieft über Fragen der nachhaltigen Entwicklung und der sanften Mobilität in der Gemeinde Val-Cenis und in der Haute Maurienne zu diskutieren. Dies nicht zuletzt im Rahmen des alpenweiten Netzwerks Alpine Pearls, in dem die Gemeinde Val-Cenis Mitglied ist. Alpine Pearls ist eine 2006 gegründete Kooperation von 25 Tourismusgemeinden aus sechs Alpenstaaten. Ziel ist den Gästen die Möglichkeit der autofreien An- und Abreise und die einfache Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort sowie weitere klimaschonende Urlaubsangebote zu bieten. Die Mitglieder erfüllen Qualitätskriterien, wie verkehrsberuhigte Ortskerne, Transferservices, umweltfreundliche Freizeitangebote, Mobilitätsgarantie ohne Auto und ökologische Mindeststandards.
Rémy übergibt das Wort an Marc-Jerôme für die Moderation. Dieser bittet Dominik, kurz die wichtigsten Ergebnisse der bisherigen whatsalp-Tour vorzustellen. Er berichtet u.a. aus den Bereichen Verkehr, Tourismus, Landwirtschaft, Energie und Klima, woraus sich eine angeregte Diskussion unter den Anwesenden entwickelt. Rémy möchte mehr wissen über gute Lösungen der sanften Mobilität, die wir gesehen haben. Dominik zählt einiges auf wie Rufbusse, Carsharing, Alpen-Taxi und Bus Alpin; wichtig für einen guten ÖV seien u.a. die Dichte der Verbindungen, die Anschlüsse, die Information und der Komfort. Marc-Jerôme ergänzt, dass die CIPRA den Gemeinden gute Beisiele vermitteln könne, die an anderen Orten bereits funktionieren. Eine Gemeinderätin wirft ein, dass die Gemeinden oft gar keine Möglichkeit haben, neue ÖV-Angebote zu schaffen, weil die übergeordneten Stellen in Département und Région das nicht zulassen. So beispielsweise bei der Einstellung des Busbetriebes in der Zwischensaison (wie das unsere Mitwandernden gestern in der Haute Maurienne erlebt haben). Dann kommt man auf den TGV zu besprechen, der aus Paris und Lyon kommend mehrmals täglich in Modane hält. Ein Pilotprojekt für die Haute Maurienne müsste auf diesem wichtigen Verkehrsknotenpunkt aufbauen und den Zugreisenden gute Anschlussangebote zur Verfügung stellen.
Marc-Jerôme reisst weitere Themen an wie den Klimawandel, wozu einige Voten fallen zu Schneemangel, Gletscherschmelze, Permafrostproblem, Starkniederschläge, Trockenheit. Es wird die Frage gestellt, ob Regionen wie die Haute Maurienne als neue Sommerfrischen von der Klimaerwärmung profitieren könnten. Und es wird die Möglichkeit der Verlängerung der heute kurzen Sommersaison angesprochen. Rémy fragt, was in der Haute Maurienne unternommen werden müsste, damit die Gastbetriebe auch im September offen sind. Die Gesprächsrunde verlagert sich sodann auf andere Probleme wie die 47‘000 kalten Betten in der Haute Maurienne und die zahlreichen schlecht isolierten Häuser aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Nach rund zwei Stunden bedankt sich der Bürgermeister bei den Anwesenden für die interessante Diskussionsrunde, die er bei Gelegenheit fortsetzen möchte. Mit den besten Wünschen für die weitere Wanderung von whatsalp leitet er zum ausgezeichneten Apérobuffet über.