Transitverkehr und Haarnadelkurven – von Freienfeld nach Meran

 

Gestern hatte uns nach dem Treffen in Brixen ein Taxi spät abends ins Hotel Lener in Freienfeld gebracht, wo es noch einen Töggelimatch zwischen Jung und Alt gab. Danach haben dann die meisten gut geschlafen, trotz dem Lärm der Güterzüge auf der Brennerlinie, die direkt neben dem Hotel vorbeifahren. Heute Morgen erklärt uns der Wirt, dass seine Gäste den Lärm der Autobahn besser ertragen als den der Eisenbahn, weil sie diesen mehr gewohnt seien. Sein Hotel war mit dem Bau der Brennerbahn in den 1860er-Jahren entstanden und seither eng mit der Brennerlinie verbunden. Um diese Verbindung von Eisenbahn und Hotel zu unterstreichen, ist im Hotelgarten ein alter österreichischer Eisenbahnwaggon aufgestellt und zu einer Bar umgestaltet worden.

Das Thema der heutigen Wanderung ist die Brennerautobahn, die wir bereits nach wenigen Minuten erreichen. Diese Autobahn führt von Innsbruck nach Bozen und hat uns bereits 1992 intensiv beschäftigt. Gerhard war damals in der Vereinigung für ein lebendigs Wipptal aktiv, deren AktivistInnen die Autobahn auf der Nordtiroler Seite aus Protest mehrmals besetzt hatten. Obwohl der Verkehr seither ständig zunimmt, ist der Widerstand eingeschlafen. Aus dem früheren Protest der Bevölkerung sei Resignation geworden, erklärt uns Gerhard. Niemand im Wipptal glaube mehr daran, dass sich entlang der Brennerachse jemals noch etwas verbessern würde. Unterdessen wird am Brenner-Basiseisenbahntunnel gebaut, der nach seinem Bau 15 Kilometer weiter unten in Franzenfeste beginnen und oberhalb von Innsbruck aus dem Berg herauskommen wird. Der mit 55 Kilometern etwa gleich lange Tunnel wie der Gotthard soll bis zum Jahr 2025 fertig gestellt werden. Die Umweltschutzorganisationen in Österreich und Südtirol hatten diesen Tunnel jahrzehntelang bekämpft. Dies auch deshalb, wie uns vor ein paar Tagen Klaus Peter Dissinger vom Umweltdachverband Südtirol erklärte, weil von offizieller Seite kein Konzept für die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene vorliege, wie etwa der Alpenschutzartikel in der Schweiz. Die UmweltschützerInnen befürchteten, dass sich mit dem Tunnel noch mehr Verkehr über den Brenner ergiessen wird, egal ob über die Strasse oder über die Schiene.

Dominik wählt die Route auf dem Fussweg zwischen dem Fluss Eisack und der Autobahn, wo im Zehnsekundentakt in beide Richtungen grosse Brummer vorbeirollen. Ein gefundenes Fressen für ein paar gute Transitverkehrs-Fotos, die in unserer Sammlung noch fehlen. Nach einer Stunde erreicht er auf einigen Umwegen, weil direkte Wanderwege im Tal weitgehend fehlen, die Höhe von Sterzing. Nahe bei diesem Ort erstreckte sich früher ein grosser Rangierbahnhof, in dem im Zweiten Weltkrieg Rüstungsgüter umgeschlagen wurden. Von den massiven Bombardements sind im Talboden heute noch Explosionskrater zu erkennen, und im Boden stecken zahlreiche Bomben, die nicht explodiert sind. Gerade am kommenden Sonntag wird der Talboden bei Mauls evakuiert werden, weil in der Eisack ein Blindgänger zum Vorschein gekommen ist und entschärft werden muss: „Da die Evakuierung bis spätestens 06.15 Uhr abgeschlossen sein muss, müssen die betroffenen Familien ihre Häuser zeitig verlassen“, schreibt eine Regionalzeitung.

Nun geht es entlang des Mareiterbaches weiter. Kurz vor Gasteig kommt Dominik am Firmensitz der Firma Leitner vorbei und fotografiert die vielen Pistenbullys, Seilbahngondeln und Liftmasten, die im Hof zum Abtransport in die Skigebiete bereit stehen. Nach einer weiteren halben Stunde ist das Hotel Almina in Mittertal erreicht, wo sich der Rest der Gruppe bereits im Spa tummelt. Dominik verzichtet freiwillig auf das Wellnessangebot und freut sich auf das feine Abendessen, bei dem wir bei jedem Gang zwischen einem „deutschen“ und einem „italienischen“ Gericht wählen können.

Nach einer zugegeben angenehmen Nacht in diesem für uns viel zu teuren Hotel – es war das einzige, das noch Platz hatte – steigen wir am Morgen vom Jaufental auf das Platschjöchl hoch. Auf dem steilen Pfad durch den Bergwald wissen wir das kühle Wetter zu schätzen. Oben angekommen, fragen wir uns nach dem Zweck der umfangreichen Rodungen auf der Hochfläche. Die Antwort haben wir kurze Zeit später, als wir zu den Masten einer Hochspannungsleitung kommen. Dieser Leitung entlang erreichen wir den Jaufenpass, wo uns einmal mehr schon von weitem die Motorräder entgegen brummen. Auf dem Pass erwarten uns Gerhard und seine Frau Gudrun, die heute Geburtstag hat. Sie übernehmen unsere Rucksäcke in ihr Auto und wir besteigen die Fahrräder, die Harry organisiert hat.

Nun sausen wir auf den Velos den Jaufenpass hinunter, bis nach Meran sind es fast 2000 Höhenmeter. Allerdings nicht mit dem halserbrecherischen Tempo vom Giro d’Italia, der schon mehrfach über den Jaufen führte. Dazu haben wir zu viel Respekt vor den uns entgegenkeuchenden Campern, die meist in der Mitte der Strasse um die Kurven kommen. Bis nach St. Leonhard im Passeier sind Dutzende von Haarnadelkurven zu fahren. Unten im Tal angekommen, fürchten wir uns schon vor den Gegensteigungen das Tal hinaus. Doch zu unserer angenehmen Überraschung geht es der Passer entlang immer leicht bergab und wir brauchen kaum in die Pedalen zu treten. Früher als erwartet treffen wir in Meran ein, wo an diesem Juli-Nachmittag eine Gluthitze herrscht und wo uns am frühen Abend ein Treffen mit der Gemeinde und Meraner Jugendlichen erwartet.

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