Viel Transitverkehr und eine traurige Nachricht – von Rottenmann über Gröbming in die Ramsau

Es herrscht eine Hitze wie in Las Vegas in der Altstadt von Rottenmann, als Dominik am frühen Nachmittag das Gasthaus Kofler verlässt. Sogar das Rathaus, so etwas wie ein Wahrzeichen es Ortes,  scheint zu schwitzen. Heute ist eine Fahrrad-Etappe das Paltental hinunter und dann das Ennstal hinauf nach Gröbming angesagt. So heisst es den Rucksack auf den Gepäckträger binden und dann als erstes das Velo steil bergauf zu stossen. Auf der Höhe des Radweges angekommen, bietet sich ein guter Überblick über Rottenmann mit dem 60‘000 qm grossen Werksgelände der AHT und das Paltental. Vom Talgrund tönt der Verkehrslärm der Pyhrnautobahn hinauf, wo sich heute Nachmittag Lastwagen an Lastwagen reiht. Parallel dazu verläuft die Eisenbahnlinie, auf der hin und wieder ein Zug verkehrt. Die Pyhrnautobahn ist die erste der grossen alpenquerenden Transitstrecken, auf die wir auf unserer Alpendurchquerung treffen. Sie verbindet den Raum Linz mit der Steiermark und Kärnten, von wo es via Slowenien und in den Balkan geht.

Vor 25 Jahren traf die TransALPedes-Gruppe die Gegnerinnen des Lückenschlusses an der Pyhrnautobahn in Windischgarsten. Mit dabei war ein Fernsehteam des Schweizer Fernsehens, welches für die Rundschau filmte. Für die ‚Plattform gegen den Ausbau der Pyhrnautobahn‘ war die Ausgangslage damals denkbar ungünstig, denn zur Vollendung der Transitachse fehlte nur noch ein Stück von rund dreissig Kilometern. Mit vielen phantasievollen Aktionen wehrte sich die Bürgerinitiative gegen das Projekt. Unter anderem wurde ein Auto zerlegt, auf die 1600 m ü.M. hohe Kremsmauer getragen und dort oben symbolisch wieder zusammengesetzt. Fachleute wie der Wiener Verkehrsprofessor Hermann Knoflacher prognostizierten damals mit dem Lückenschluss eine starke Zunahme des Verkehrs und insbesondere des LKW-Verkehrs auf der Pyhrnautobahn. Im Jahre 2004 wurde die letzte Lücke trotzdem geschlossen, und seither haben sich die Warnungen der TransitgegnerInnen bewahrheitet. So konstatierte der Verkehrsclub Österreich für Wundschuh auf der A9, zu der die Pyhrnstrecke gehört, allein für das Jahr 2016 eine Verkehrszunahme von plus 8,8 Prozent.

Die whatsalp-Gruppe hat sich heute aufgeteilt verfolgt unterschiedliche Routen. Nach einem unfreiwilligen Ausflug in die Ennsaue erreicht Dominik auf einem Landwirtschaftsweg entlang der Autobahn den Bezirkshauptort Liezen, wo wir am Vorabend im Nationalparkradio zu Gast waren. Unter der brennenden Sonne ist es jetzt so heiss, dass er sich in die klimatisierte Lidl-Filiale flüchtet, dort für 29 Cent eine Flasche Apfelschorle ersteht und diese in einem Zug austrinkt. Auf dem Ennsradweg geht es daraufhin weiter talaufwärts, wobei glücklicherweise kaum Steigungen zu bewältigen sind. Bei Wörschach ist der nächste Kreuzungspunkt mit der TransALPedes-Route. Hier führten uns 1992 die TransitgegnerInnen zu einer einsam in der Landschaft stehenden Strassenbrücke, ohne Zu- und Abfahrt, Teil der geplanten Umfahrung Stainach. Der damals neugegründete Dachverband ‚NETT – Nein zur ennsnahen Transittrasse‘ wehrte sich gegen den Bau einer Schnellstrasse zwischen Liezen und Stainach entlang der Enns, als Teil einer hochrangigen Verbindung zwischen den beiden Transitachsen Pyhrn und Tauern. Dieser Zusammenschluss von Umweltgruppen der Region forderte die Erhaltung von Naturraum und Landschaft des Ennstals durch eine umwelt- und menschengerechte Verkehrslösung. Dank NETT konnte der Bau der Schnellstrasse verhindert werden, lediglich die Umfahrung von Stainach wurde realisiert – die einsame Brücke von 1992 ist in die Umfahrungsstrasse integriert. Das Wörschacher Moos ist heute ein Natura 2000 – Naturschutzgebiet.

Bei unseren Vorbereitungen für die whatsalp-Tour suchten wir den Kontakt zu Barbara Stangel, die wir 1992 in Wörschach kennen gelernt hatten. Barbara war der Kopf der NETT-Plattform und eine engagierte Kämpferin gegen die ennsnahe Trasse. Nicht zuletzt ihr ist es zu verdanken, dass das Ennstal über zwei Jahrzehnte lang und bis heute vom Bau einer hochrangigen Transitstraße und den damit verbundenen Zerstörungen verschont geblieben ist. Leider erfahren wir bei unserem Besuch in Wörschach, dass Barbara im Oktober 2013 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist – tragischerweise bei einem Zusammenstoss ihres PKW mit einem LKW auf der Pyhrnautobahn nahe ihres Wohnhauses. Die Transitstrasse, gegen die sich Barbara ihr Leben lang wehrte, ist ihr selber zum Verhängnis geworden. Fritz Gurgiser vom Transitforum Austria Tirol gedachte der Verstorbenen mit folgenden Worten: „Barbara Stangel bleibt als einer unserer tapfersten Felsen bei uns, ausgestattet mit Werten, die heute immer seltener werden: Mut und Unerschrockenheit auf der einen und einem Herz für ihr Ennstal und einen Kopf weit darüber hinaus auf der anderen Seite. Einem ehrlichen und grundtreuen Bürgerengagement für die nächsten Generationen – Barbara Stangel bleibt in meinem und unseren Herzen.“ Nachruf von Ute Gross in der Kleinen Zeitung.

Gemeinsam mit vielen anderen wehrte sich Barbara Stangel gegen den Transitwahnsinn, gegen die totale Inbesitznahme unseres Lebens durch Strassen, Lastwagen und Autos. Auf meiner weiteren Velofahrt kommt mir in den Sinn, wie deutlich wir diesen kaum gebremsten Siegeszug des Automobils bisher erlebt haben – angesichts von verschwundenen oder asphaltierten Fusswegen auf unserer Wanderung durch den Osten Österreichs. In Gedanken versunken nähere ich mich dem riesigen Grimming, über dem sich dunkle Wolken zusammenbrauen, bevor ich im Luftkurort Gröbming eintreffe.

2 thoughts on “Viel Transitverkehr und eine traurige Nachricht – von Rottenmann über Gröbming in die Ramsau

  • Sehr schön und bewegend, als einer vor 25 Jahren mit den damaligen Transalpedeswanderern in Wörschach Zusammentreffender von eurer Jubiläumswanderung zu lesen. Und noch bewegender, als Mann von Barbara Stangel eure tiefe Würdigung mit Wehmut und Schmerz, aber auch mit innigem Dank für euren „Nachruf“ zu lesen. Ja, das Ennstal ist wohl vor der Transitschneise „Ennsnahe Trasse“ bewahrt worden. Der Einsatz vieler hat das bewirkt; und der Einsatz von Barbara war offensichtlich nicht nur metaphorisch, sondern existenziell das Leben und dessen Grenzen überschreitend.
    Danke für eure Wanderung und euer Nachspüren, Bewahren und „Kämpfen“.
    Moritz Stangel

  • Liebe Freunde,
    ausgehend von der Lektüre eures Blogs bin ich angefragt worden, ob es / wo es Informationen zum Widerstand gegen die Ennstrasse gibt. Natürlich finden sich – auch im Internet – viele Infos dazu. Weil das vielleicht mehrere interessiert, erlaube ich mir,hier eine Adresse anzugeben, die die Entwicklung des Widerstandes sehr kompakt zusammenfasst:
    http://www.ennstalwiki.at/wiki/index.php/Bürgerinitiative_Schönes_Ennstal. Da gibt es auch einige Links, unter anderem zu der von euch im Blog zitierten „einsamen Brücke“ und deren Bedeutung (Link: Sallaberger Brücke).
    Ich wünsche euch ein schönes Weiterwandern und danke euch nochmals sehr für euer Engagement zur Bewahrung unserer Alpen.
    Moritz Stangel

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