Stausee- und Hochhausträume… und eine Überraschung – von Vals nach Olivone

In der Kühle des schönen Sommermorgens steigen wir oberhalb der steilen Schlucht zum Zervreila-Stausee hoch. An der Staumauer begrüssen uns Vertreterinnen und Vertreter des Schweizer Alpen-Clubs SAC, welche sich heute für whatsalp Zeit genommen haben. Mit von der Partie sind u.a. Thomas Meier, Hüttenwart der Läntahütte, Anne Roches von der Umweltabteilung des SAC, VertreterInnen der SAC Sektion Piz Terri, Adrian Vieli, der frühere Direktor der Tourismusorganisation visitvals und Peter Schmid von der Kulturstiftung Vals. Vieli begrüsst uns mit einem Zitat aus dem Buch „Die friedliche Zerstörung der Landschaft und Ansätze zu ihrer Rettung“ von Hans Weiss aus dem Jahr 1981 und bemerkt mit Blick auf die aktuelle Situation in Vals, dass Vieles davon auch heute noch aktuell ist.
Zunächst geht es auf einer Fahrstrasse dem Zervreila-Stausee entlang und Peter Schmid und Adrian Vieli berichten, wie es damals gelingen konnte, auf der Lampertschalp einen zweiten Stausee zu verhindern. Nach einer erbittert geführten Auseinandersetzung hatten die Valser StimmbürgerInnen und Stimmbürger das geplante Pumpseicherwerk im Jahr 1989 mit 54 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Schmid berichtet, wie er zwei ganze Jahre seines Lebens in den Kampf für die Rettung der Lampertschalp gesteckt hatte. Gut investiert wie wir finden, wenn wir heute durch dieses einmalige Hochtal unter dem Läntagletscher wandern. Die Ablehnung des Pumpspeicherprojektes sei damals übrigens unter gütiger Mithilfe der Hauptaktionäre der federführenden Glarner Kraftwerksgesellschaft Sernf-Niederenbach erfolgt, welche in Vals im Vorfeld der Abstimmung offenbar wie Kolonialisten aufgetreten.
Doch nicht die Stauseen sind das Hauptthema auf unserer heutigen Wanderung, sondern die Hochhauspläne der Investorengruppe um Remo Stoffel und Pius Truffer. Die Geschichte ist lang und kompliziert und lässt sich nur schwer in wenigen Sätzen zusammenfassen. Wir notieren: Nach sehr erfolgreichen Jahren suchten die Träger der Therme nach einem Investor, um zusätzliche hochwertige Hotelbetten erstellen zu können. Obwohl auch Therme-Architekt Peter Zumthor ein Angebot gemacht hatte, entschied sich die Gemeindeversammlung im März 2012 für den Bündner Financier Remo Stoffel und den Valser Unternehmer Pius Truffer. Die Führung in den Gremien von Therme, Gemeinde und Tourismus ging an die Vertreter der neuen Mehrheit über. Eine Gruppe besorgter Stimmbürgerinnen und Stimmbürger vermutete Unregelmässigkeiten und reichte daraufhin beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden Beschwerde ein. Mittlerweile hat sich der Rechtsstreit ausgeweitet und die Regierung des Kantons Graubünden hat dieses Jahr wegen des Verkaufs eine Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht. Grund ist der Verdacht auf strafrechtlich relevante Handlungen beim Verkauf. Unter die Lupe genommen werden sollen insbesondere die Vorgänge bei der Vorbereitung des Verkaufs. Bereits im Sommer 2012 stellte das Valser Dorfmagazin Tschifera die Chronik des Verkaufs der Therme im Detail dar. Allerdings musste dieses Magazin unter dem Druck der neuen Führung eingestampft werden, da die Darstellung deren Auffassungen widersprach.
Wie die Auseinandersetzung um die Zukunft der Therme und damit des Tourismusortes Vals weitergeht, ist offen. Fakt ist, dass der geplante 260 Meter hohe Hotelturm kaum je gebaut werden kann. Mehrere unabhängige geologische Gutachten haben ergeben, dass ein solcher Bau die lebenswichtigen Mineralwasserquellen zu stark gefährden würde. Dennoch hält Hauptinitiant Remo Stoffel derzeit weiter an seinem Projekt fest.
Für die Mitglieder der whatsalp-Gruppe, die schon 1992 bei TransALPedes dabei waren, schliesst sich ein Kreis. Damals hatte die Gemeinde den sanften Tourismus zu ihrem Weg erklärt und uns das Projekt des Baus der neuen Therme mit Peter Zumthor vorgestellt. Zwanzig Jahre lang war die Felsentherme Garant für den Erfolg einer nachhaltigen Tourismusstrategie in Vals. Heute scheinen die goldenen Jahre vorüber und die Zukunft von Vals ist ungewisser denn je. Ein whatsalp-Mitwanderer, der sich in der Baubranche gut auskennt, rät unseren Begleitern, sich jetzt schon auf zukünftige Situationen vorzubereiten. Aus unseren Gesprächen wird denn auch deutlich, dass es gut möglich ist, dass die überrissenen Hotelpläne schon bald platzen.
Als wir bei den Alphütten auf der Lampertschalp ankommen, schlägt Peter Schmid vor, beim Älpler einzukehren. Schliesslich war er hier oben während zwölf Sommern Schafhirt gewesen und kennt das Gebiet wie seine Hosentasche. Es muss unserem Begleiter seltsam erscheinen, dass hier heuer zum ersten Mal keine Schafe mehr weiden. Es sind schottische Hochlandkühe, die uns Wandernde mit ihren grossen dunklen Augen anglotzen. Diese extensive Mutterkuhhaltung belastet die sensiblen Böden weit weniger als die Schafe. Nach dem Umtrunk und einem kurzen Schwatz mit dem Älpler brechen wir wieder auf. Schon bald wird im Talschluss der Läntagletscher sichtbar, der im Vergleich zu unserem Besuch im Jahre 1992 deutlich zurückgeschmolzen ist. Kurz darauf kommen wir in der Läntahütte an, wo wir freundlich empfangen werden.
Der nächste Tag sieht uns früher aufstehen als sonst, denn bis nach Olivone hinüber ist es ein weiter Weg. Die Route auf den Soredapass ist genauso, wie wir sie in Erinnerung haben: steil, felsig und lang. Schier unglaublich, dass die Bleniesi früher ihre Tiere hier hinübergetrieben haben. Auf dem Pass angekommen, gibt es eine längere Pause. Für drei Tage weilen wir nun im Kanton Tessin, genauer gesagt in dessen nördöstlichster Ecke, dem Bleniotal. Unsere Mitwanderin Luana, die beim Parc Adula gearbeitet hat, nimmt die Gelegenheit wahr, sich zum zweiten Mal mit einem kritischen Kommentar zum gescheiterten Parkprojekt ins Passbuch einzutragen. Der Abstieg hinunter zum Luzzone-Stausee ist noch steiler als der Aufstieg, obwohl der Weg durch das bewegliche Geröll in den letzten Jahren verbessert wurde. Auf halber Höhe treffen wir zwei Arbeiter, welche gerade daran sind, im Steilhang aus grossen Steinen eine Treppe zu bauen. Teil eines noch mit dem Parc Adula begonnenen Projektes, um die alten Kulturwege rund um die Adula für Wandernde besser zugänglich zu machen.
Es ist eine grossartige und wilde Landschaft, durch die wir hier ins Val Scaradra hinuntersteigen. Kein Wunder, dass die alpwirtschaftliche Nutzung in diesem schwer zugänglichen Gebiet weitgehend aufgegeben worden ist. So stellen wir uns die Kernzone eines Nationalparks vor, der seinen Namen verdient, da sind wir uns einig. Und wir finden auch, dass es hier oben keine Rolle spielt, ob ein Wegegebot besteht oder nicht. In diesem unwegsamen Gebiet würde sowieso kaum jemand den Wanderweg verlassen.
Nach zwei weiteren Steilstufen gelangen wir ans Ufer des Luzzone-Stausees. Dieser See beschäftigte uns 1992, weil seitens der Umweltschutzorganisationen Kritik an der Erhöhung der Staumauer geübt wurde. Es kam schliesslich zu einem Kompromiss und die Mauer wurde 1997-98 um 17 Meter erhöht (und mit der längsten künstlichen Sportkletterroute der Welt ausgestattet). In die Diskussion hatte sich damals auch der Chef der rechtspopulistischen Lega dei Ticinesi eingeschaltet. Damit Flavio Maspoli sein Lied gegen die „Strombarone aus der Deutschschweiz“ vor Ort singen konnte, hatte das Rundschau-Team im Sommer 1992 ein Klavier an den Fuss der Staumauer transportieren lassen.
Durch einen langen Tunnel gelangen wir zur Staumauer, wo uns zu unserer Überraschung Roberta, Sebastiano, Lucia und Mario aus Campo Blenio mit Musik aus Piva und Alphorn empfangen und uns einen kleinen Apéro servieren. Ein erster Vorgeschmack auf die Gastfreundschaft der Bleniesi, welche uns für den Abend zu einer Grigliata eingeladen haben. Nach einem weiteren Abstieg erreichen wir auf dem eindrücklich in die Felsen gehauenen alten Campio Blenio – Weg Olivone.