Historisches Hotel, neues Gasthaus und ein schneebedeckter Pass – von Münster nach Brig, 11. – 13. August

Der Wettergott ist uns weiterhin unhold und wir starten auch heute im strömenden Regen. Nach zwei Stunden Wanderung dem Rotten entlang sind wir bis auf die Haut durchnässt und froh, dass wir bei der gedeckten Holzbrücke bei unterstehen können. Am Bahnhof Niederwald erwartet uns Giuliana Schmid von Goms Tourismus, um uns das neue Audio Adventure von myclimate vorzustellen. In der Diskussion mit Giuliana Schmid und den Mitwandernden erinnern wir daran, dass myclimate ein Partner von whatsalp ist und dass wir unser Projekt klimaneutral durchführen. Dies nach der von myclimate propagierten Regel Vermeiden – Reduzieren – Kompensieren. Diese könnte im Prinzip auch jede Tourismusorganisation anwenden, wenn sie es mit dem Klimaschutz ernst meint.
Der Regen ist vorüber und es geht weiter nach Mühlebach im Landschaftspark Binntal, wo die vor zwei Jahren erstellte Hängebrücke GOMSBridge besichtigt wird. Mit einer Länge von 280 Metern und einer Höhe von 92 Metern verbindet sie Mühlebach mit der Bahnstation von Fürgangen. Der Bau der Brücke war aus Gründen des Landschaftsschutzes umstritten. Heute erfreut sich das neue Bauwerk grossen Andrangs und auf beiden Seiten der Brücke sind mehrere Gaststätten entstanden. Viele BesucherInnen begnügen sich damit, mit dem Auto zur Brücke zu fahren und diese einmal hin und einmal her zu überqueren.
Wir kommen nach Ernen mit seinem historischen Dorfplatz, Schauplatz der Apfelschuss-Szene im Film Wilhelm Tell, den 1934 die Schweizer Nazi-Filmfirma Terra u.a. hier produziert hatte. Dominik hatte darüber 1991 gemeinsam mit Thomas Kramer ein Buch verfasst. Und wie schon 1992 stellen wir den Apfelschuss mit Dominik als Tell und Harry als kleinem Walter nach. Nun geht es auf der Hauptstrasse und der alten Twingistrasse nach Binn hinauf. Letztere ist unter Federführung des Landschaftsparks sorgfältig restauriert worden. Entlang des historischen Weges sind von Juni bis Oktober Skulpturen der LandArt-Aktion des Landschaftsparks ausgestellt. Im Hotel Ofenhorn erwarten uns Dominique Weissen vom Landschaftspark Binntal und Benno Mutter von der Genossenschaft Ofenhorn. Nach interessanten Informationen über diese beiden Projekte laden sie uns zu einem Apéro ein, bevor wir uns im noblen Speisesaal zum Dinner setzen.
Am anderen Morgen tut das Wetter auf, als wir mit einer Gruppe von über dreissig Leuten beim Hotel Ofenhorn starten. Heute wandern weitere SympathisantInnen der Alpeninitiative mit, die am Abend beim Alpenfeuer in Rosswald dabei sein werden. Unseren ersten Stopp machen wir bereits nach einer Stunde in Heiligkreuz, wo Andreas Weissen mit zwei PartnerInnen das Gasthaus vor zwei Jahren übernommen hat. Andreas, langjähriger Präsident und heutiger Ehrenpräsident der Alpeninitiative, lädt die Wandergruppe zum Kaffee ein und berichtet über das ambitiöse Gasthausprojekt. Nachdem das alte Gasthaus Heiligkreuz abgebrannt war, wurde es vor einigen Jahren neu aufgebaut. Die drei WirtInnen geben sich fünf Jahre, um das kleine Hotel so weit zu bringen, dass sie es an interessierte NachfolgerInnen übergeben können. Die grosse Herausforderung liegt darin, genügend BesucherInnen nach Heiligkreuz zu bringen. Der kleine Ort liegt zwar am Aufstieg zum beliebten Saflischpass, die anderen Passaufstiege von hier aus sind jedoch anspruchsvoller und werden dementsprechend weniger begangen. Nun soll ein kleines und feines Kulturprogramm für mehr Gäste sorgen, so mit der Sagenwerkstatt von Andreas Weissen, der weit über das Wallis hinaus als begnadeter Sagenerzähler bekannt geworden ist.
Erheitert durch Andreas‘ originellen Vortrag nehmen wir den Anstieg zum Saflischpass unter die Füsse. Zu unserer Überraschung kommen uns Graziano, Ornella und Irene, Freunde von Dominik und Annette aus Domodossola, bereits auf halber Höhe entgegen und bewirten uns mit Wein und Kuchen. Sie sind frühmorgens auf der anderen Seite des Simplons losgefahren und haben ihr Auto in Rosswald abgestellt. Gemeinsam geht es weiter dem Pass entgegen, der seit gestern ziemlich viel Neuschnee erhalten hat. Auf der anderen Seite ist der Schnee dann aber bald wieder weg und wir steigen nach Rosswald ab. Hier begegnen wir erneut Rita Huwiler und Andreas Weissen, die nicht mitwandern konnten, weil das Aufschichten des Holzes für das Alpenfeuer übernommen haben. Wie Andreas engagierte sich auch Rita lange Jahre für die Alpeninitiative. 1992 war Rita im TransALPedes-Kernteam und betreute die gesamte Logistik des Projektes.
Der Abend wird zu einem grossen Fest. Die Alpeninitiative hat zahlreiche Fahnen mitgebracht, welche dem Feuer mit seinen etwa fünfzig BesucherInnen einen stimmungsvollen Rahmen verschaffen. Katharina Conradin hält – mit Unterstützung von Corinne Buff – eine kurze Rede, und gegen Mitternacht sind dann auch die letzten in der Liege. Nach einer durchzogenen Nacht in der etwas baufälligen Gruppenunterkunft in Rosswald wandern wir nach Brig hinunter. Hier passieren wir mit dem Simplon zum sechsten Mal seit Wien eine Alpentransversale. In Brig steuern wir das Stockalperschloss an, wo die Alpeninitiative einen feinen Apéro vorbereitet hat. Alpeninitiative-Präsident Jon Pult hält eine Ansprache, in deren Rahmen er die aktuelle Politik seiner Organisation präsentiert und einen Blick in die Zukunft wagt.