Protestantismus und Tourismus-Halligalli in der Ramsau – von der Ramsau nach Altenmarkt

Erst nach dem Treffen mit Bionieren bemerken wir, dass wir in der Ramsau am falschen Ort übernachtet haben. Die Unterkunft im Kirchenwirt war zwar gut, aber wenn wir es gewusst hätten, wären wir natürlich lieber im biologischen Frienerhof abgestiegen. Der Kirchenwirt liegt direkt neben der evangelischen Kirche, deren Namen das Gasthaus tragen darf, weil sein Besitzer vor über hundert Jahren das Land für den Bau der Kirche zur Verfügung gestellt hatte. Im 19. Jahrhundert hatte es in der grossteils protestantischen Ramsau nur ein Bethaus gegeben, nach Auflage des Kaisers ohne Eingang zur Hauptstrasse und ohne Kirchturm. Denn lange Zeit wurden die ProtestantInnen in Österreich unterdrückt und später mehr geduldet als geachtet. Die Diskussionen über Kirchtürme und Minarette sind schon also älter…

Die protestantische Ramsau als heute bedeutendste evangelische Gemeinde in Österreich geht auf das 16. Jahrhundert zurück, als Knappen aus Sachsen, die in den Bergwerken der Schladminger Tauern arbeiteten, lutherische Bücher und Schriften verbreiteten. Von 1599 bis 1781 war die Zeit des Geheimprotestantismus, während der die ProtestantInnen ihren Glauben nur im Geheimen ausüben konnten, während sie sich nach Aussen hin als gute KatholikInnen ausgaben. Nach Jahrhunderten oft brutaler Unterdrückung durch Kaiserhaus und katholische Kirche brauchte es das Toleranzpatent von Kaiser Josef II., damit 1782 in der Ramsau die erste steirische Toleranzgemeinde gegründet werden konnte. Von den 130 Ramsauer Familien bekannten sich damals 127 zum evangelischen Glauben. Noch heute sind 78 Prozent der RamsauerInnen evangelischen Glaubens, zumindest auf dem Papier. Georg Berger von Bionieren betont, dass der Protestantismus die Ramsau stark geprägt hat und fügt hinzu, dass Protestantismus ja auch etwas mit Protest habe. 2017 begehen die ProtestantInnen 500 Jahre Reformationsgeschichte, der auch die Ramsau eine informative Ausstellung widmet.

Wir verlassen die Ramsau und erleben zum ersten Mal einen Regentag. So bleiben wir unten im Tal und blicken links und rechts die Schneisen hoch, die für Skipisten aus dem Wald geschlagen wurden. Bereits am gestrigen Ruhetag ist Thomas bei seinem Ausflug mit der Seilbahn dem Tourismus-Halligalli auf dem Dachsteinplateau begegnet. Etwas belustigt beobachtete er die Skifahrerinnen und Snowbarder beim Herumrutschen auf dem flachen Gletscher. Der Dachsteingletscher – übrigens der östlichste Gletscher in den Alpen – geht in den letzten Jahren so rasch zurück, dass die Bergbahnen alle Hände voll damit zu tun haben, das Abschmelzen des Eises zu bremsen, zum Beispiel durch Abdecken mit Fliessmatten im Sommer.

Im strömenden Regen gelangen wir in den kleinen Ort Mandling, der alten Mautstelle zwischen der Steiermark und Salzburg, den sich Schladming und Radstadt teilen. Wir sind froh, dass wir in einem Gasthaus unterstehen können, immer noch auf der steirischen Seite der Grenze, wie die Wirtin betont. Am Nachmittag lässt der Regen nach und es schaut sogar die Sonne hervor, so dass die Kleider bei unserer Ankunft in Altenmarkt wieder trocken sind.

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