Neuschnee und Panoramastrasse – von Kolm-Saigurn über Wörth nach Grosskirchheim

In der Nacht regnet es in Strömen und die Schneefallgrenze sinkt auf 2500 m ü. M. Bereits am Vorabend hatte der Kolm-Saigurner Wirt in der Wetterstation auf dem Hohen Sonnblick angerufen und nach den Wetterverhältnissen gefragt. Bis jetzt zehn Zentimeter Neuschnee lautete die Antwort, notfalls könnten die Wandernden auch in der Wetterstation unterkommen. Nach einigen Diskussionen erscheint uns der Hohe Sonnblick mit seinen 3100 m ü.M. (den wir 1992 bei schönstem Wetter überschritten hatten) doch zu riskant und wir entscheiden uns für den Umweg über das etwas niedrigere Hochtor.

Von Kolm-Saigurn geht es darum auf dem alten Knappenweg talauswärts nach Wörth. Bereits mit TransALPedes hatten wir in Kolm-Saigurn über die Zukunft dieses besonderen Ortes im Nationalpark Hohe Tauern diskutiert, und unter Beteiligung der Naturfreunde war damals das „Kolm-Paket“ in Planung gewesen. Vorgesehen war u.a. der Bau eines Auffangparkplatzes weiter unten im Tal und der Bau einer Kläranlage. Der Parkplatz ist unterdessen realisiert und die Gäste müssen die letzten Kilometer nach Kolm-Saigurn hinein zu Fuss zurücklegen. Das passt zum Raurisertal, das alpenweit als Beispiel für seinen sanften, naturnahen Tourismus bekannt ist. In Wörth besuchen wir das Infozentrum des Nationalparks, das den „Königen der Lüfte“, den grössten Vögeln der Alpen gewidmet ist: dem Bartgeier, Adler und dem Gänsegeier.

Harry hat den Weg von Wörth ins Seidelwinkeltal bereits am Vorabend gemacht, „vorgelaufen“, wie er das nennt; und auch der Tracker war dabei, damit der Punkt auf unserer Online-Karte auch richtig mitwandert. Heute Morgen nehmen wir alle zusammen den Tälerbus, der uns im Seidelwinkl bis zur Palfneralm bringt. Im uralten Rauriser Tauernhaus, das wir nach kurzer Zeit erreichen, ist der Atem der Geschichte förmlich spürbar. Das aus dunkelbraunen Holzstämmen gesteckte Haus ist über 500 Jahre alt, und beim Eintreten in die niedrige Stube knarrt der Boden. Über Jahrhunderte stiegen hier die Säumer ab, wenn sie über das Hochtor als Transitroute über die Alpen zwischen Adria und Rhein gingen. Im Mittelalter bildeten das Salz nach Süden und der Wein nach Norden die wichtigsten transportierten Güter. Später, um 1500, als das Hochtor eine der bedeutendsten Verbindungen zwischen Venedig und Nürnberg wurde, kamen Gold und andere Metalle hinzu. Über diese Wege wurden Produkte aus deutschen Gewerbe gegen die Schätze Venedigs, Öl, Glas, Süssweine, Gewürze aus dem Orient und Seidenstoffe aus Asien gehandelt.

Nun geht es auf dem schönen Saumpfad, der bereits zur Römerzeit bestanden haben soll, der Seidelwinkl Ache entlang bergan. Nach den starken Regenfälle der letzten Tage führt der Bach sehr viel Wasser und seine Katarakte werden zum eindrücklichen Naturschauspiel. Ein Hinweisschild informiert uns darüber, dass wir uns in der Kernzone des Nationalparks befinden, in der der Naturschutz absoluten Vorrang geniesst. Hier ist ein Refugium für Tausende bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Dennoch werden viele Almen weiterhin bewirtschaftet und die Litzlhofalm, zu der wir bald kommen, gilt als gutes Beispiel, wie das naturverträglich geschehen kann. Auf diese im Privatbesitz befindliche Alm hinauf gibt es keinen Fahrweg und die Waren werden mit einer Materialseilbahn befördert. Für die AlmwirtInnen bedeutet dies, dass sie über Wochen kaum ins Tal hinunter kommen, v.a. in der Sommerzeit. Um die erschwerten Bedingungen auszugleichen, erhalten die Bauern vom Nationalpark finanzielle Beiträge. Eine Informationstafel erklärt, dass die Almwirte Weidevieh wie das Pinzgauer Rind, das Tiroler Steinschaf und die Pinzgauer Gamsfarbige Ziege auftreiben, denn im Nationalpark ist die Erhaltung dieser heimischen Haustierrassen ein besonderes Anliegen. Gebäude, Zäune, Brunnen usw. werden aus bodenständigen Materialien (Holz, Stein etc.) erstellt und fügen sich gut in die Landschaft ein. Unter traditioneller Zubereitung entstehen naturnahe Almprodukte von besonderer Qualität, wie Buttermilch, Schotten und Almkäse.

Weiter oben, es nieselt und ist kalt geworden, kommen Harry und Dominik am Weg mit einem Sennen ins Gespräch. Auch er kommt aus Kärnten, wie alle Almbauern hier auf der Salzburger Seite. Die finanzielle Situation der Almwirtschaft sei nicht rosig, trotz dem Zustupf vom Nationalpark, beklagt er sich. Als er hört, dass wir aus der Schweiz kommen, lobt er die Landwirtschaftspolitik des Nachbarlandes, die den Bergbauern noch ein Auskommen ermögliche. Auf die damit aufgeworfenen Fragen können wir nicht weiter eingehen, da wir kalt kriegen. Mit einem kräftigen „Bhüet di“ trennen sich die Wege wieder.

Wir wandern im Nebel weiter und hören von fern Strassenlärm, es tönt nach Motorrädern. Das muss die Grossglockner Hochalpenstrasse sein, die hier über den Alpenhauptkamm führt und mit der wir uns morgen bei einem Ortstermin auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe beschäftigen werden. Und tatsächlich, schon bald taucht im Nebel verschwommen die Einfahrt zum Scheiteltunnel unter dem Hochtor hindurch auf. Angesichts des schlechten Wetters hat es heute wenig Verkehr und nur einige TöfffahrerInnen in Lederkombis stehen verloren neben ihren Maschinen im Nebel herum. Gerhard und Thomas wählen den etwas gefährlichen Weg durch das Tunnel ohne Gehsteig, Harry und Dominik steigen noch den kurzen Steig auf das Hochtor hinauf und gratulieren sich zum Erreichen des Alpenhauptkammes.

Auf der Kärntner Seite des Passes ist das Wetter besser und wir sehen ins Gebiet des Grossglockners. Nach dem strengen Aufstieg freuen wir uns auf ein deftiges Mittagessen im Wallackhaus, das eine halbe Wegstunde weiter unten an der Passstrasse liegt. Den Empfang im Tourismusland Kärnten haben wir uns allerdings anders vorgestellt: Nach einem heftigen Wortwechsel mit Gerhard stellt uns der Wirt vor die Türe. Es würden nur Hotelgäste bewirtet – Tagesgäste haben in diesem überdimensionierten „Berggasthaus“ offenbar nichts zu suchen. So nehmen wir auf einem Picknickplatz an der Strasse mit unseren letzten Proviantvorräten vorlieb und schauen, dass wir rasch nach Heiligenblut in ein gastfreundlicheres Lokal hinunter kommen. Von da sind es dann nur noch zwei Stunden der Möll entlang, bis wir in Grosskirchheim eintreffen.

 

 

 

 

 

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