Montangeschichte, Graukäse und Grammelschmalz – von Johnsbach zur Mödlinger Hütte

Beim Frühstück begrüsst uns Josef Hasitschka in seinem breiten Steirer Dialekt. Der Kölblwirt hatte uns bereits am Vorabend darauf vorbereitet, dass es nicht irgendwer sei, der uns heute durch das Johnsbachtal führt. Josef, pensionierter Oberstudienrat am Stiftsgymnasium in Admont, gilt als der beste Kenner der Lokalgeschichte im Gesäuse und hat zahlreiche Publikationen verfasst. Wir sind die nächsten vier Stunden mit ihm unterwegs, und er weiss uns viel Spannendes zu berichten. Gleich hinter dem Gasthaus gelangen wir zur Karstquelle am Etzbach. Dass deren Temperatur das ganze Jahr über konstant bei 5 bis 8 Grad Celsius liegt, hängt mit dem Ursprung ihres Wassers in der etwas oberhalb liegenden Odelsteinhöhle zusammen, erläutert unser Führer. Bei einem weiteren Halt macht uns Josef auf eine rotbraun gefärbte Fläche am Waldrand aufmerksam. Es handelt sich um eine ehemalige Lagerfläche des Erzes Siderit (=Spateneisenstein), das im Johnsbachtal seit 1500 v.Chr. abgebaut worden war. Bisher wurden im Tal zahlreiche Abbaustellen, Lagerflächen und Schmelzplätze entdeckt. Mithilfe von Holzkohle wurde zuerst Kupfer und später Eisen gewonnen. Über Jahrtausende hatten die Menschen in dieser Gegend von ihrem „mittelalterlichen Erzberg“ gelebt.

Gleich hinter dem Dorf besuchen wir den bekannten Bergsteigerfriedhof von Johnsbach. Hasitschka hat zur Geschichte dieses Friedhofs geforscht und weiss zu jedem Grab eine Geschichte zu erzählen. In der Einleitung zu seinem Friedhofsführer schreibt er: „Mit der Entdeckung des Gesäuses als hochalpines Touristenparadies für bergbegeisterte Wiener bekam der Johnsbacher Friedhof eine besondere Aufgabe: Er musste verunglückte Touristen in seine Erde aufnehmen. Dies war die traurige Kehrseite von Bergbegeisterung, jugendlichem Wagemut und sonnigem Gipfelglück“. Zwischen 1885 und 1983 wurden hier 83 Bergsteiger begraben, davon sind 49 Gräber mit 59 Toten noch erhalten. Solche Bergsteigerfriedhöfe gibt es auch in anderen klassischen Bergsteigerorten der Alpen, z.B. in Heiligenblut am Grossglockner, Pontresina, Zermatt, Sulden und Chamonix. Gegen Mittag verabschieden wir uns von Josef Hasitschka, um Kenntnisse reicher.

In Johnsbach ist Leo Geiblinger zu uns gestossen. Leo ist gelernter Koch und hat lange als Küchenchef in einem Bio-Gastbetrieb gearbeitet. Seit kurzem pensioniert, amtet er als Botschafter des OeAV-Projektes „So schmecken die Berge“. Gemeinsam mit ihm unternehmen wir in der Mittagshitze den Anstieg zur Mödlinger Hütte, wo wir nach zwei Stunden auf 1500 m ü.M. den bisher höchsten Punkt unserer Wanderung erreichen. Die Mödlinger Hütte ist eine über hundertjährige, in den letzten Jahren sorgfältig erneuerte Hütte der OeAV-Sektion Mödling. Hier ersetzen wir die herausgeschwitzten Liter mit aufgespritztem Ribisel- und Marillensaft und mit Radler. Harry entdeckt eine Tafel mit diversen Distanzangaben, auf der er die Zeile „Nizza 460 Std.“ hinzufügt. Im weiteren Verlauf des Nachmittags informieren uns Barbara und Leo über die Projekte des Alpenvereins. Hüttenwirt Alfred Stieg setzt sich hinzu und beteiligt sich am Gespräch. Er wirtet erst seit kurzem auf der Mödlinger Hütte und interessiert sich für die Kriterien, die für das Gütesiegel „So schmecken die Berge“ zu erfüllen sind. Dann verschwindet Alfred in der Küche und kommt nach einiger Zeit mit einer Gustierplatte zurück, worauf er uns Bauernbrotschnitten mit Ennstaler Graukäse und Grammelschmalz serviert. Er sieht kein Problem, die Anforderungen zu erfüllen, da er beim Kochen schon immer regionale Produkte verwendet. Etwas später serviert uns der Wirt zum Abendessen in Schmalz gebackene Fleischkrapfen, gefüllt mit Gselchtem, Speck und Rindfleisch, gewürzt mit Zwiebel, Petersilie, Majoran und Knoblauch, dazu Sauerkraut und zum Nachtisch gebackene Preiselbeer-Krapfen.

1 thought on “Montangeschichte, Graukäse und Grammelschmalz – von Johnsbach zur Mödlinger Hütte

  • … bitte unbedingt die kulinarischen Forschungsnotizen weiterführen 🙂 Ich bin überzeugt, dass die Wahrnehmung der Alpenküche als ein Potential für Regionalentwicklung eine der erfolgreichen Strategien der vergangenen 25 Jahre sind 🙂

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