Landesforste und Nationalpark – von Hieflau nach Gstatterboden

Beim Frühstück verwickelt uns der Wirt in ein Gesprächs über die Situation in Hieflau. Er arbeitete vor seiner Pensionierung bei der ÖBB, die hier früher einmal 270 Mitarbeitende beschäftigte, heute sind es noch eine Handvoll. Mit der Umstellung des Erzberges auf den viel weniger arbeitsintensiven Tagebau mit grossen Maschinen ist die Bevölkerungszahl von Hieflau in den vergangenen Jahrzehnten von 1700 auf 700 Einwohner gesunken. Die Jungen wandern ab, weil sie in der Region keine Arbeitsplätze mehr finden, zurück bleiben die Pensionisten. Trotz vielen Bemühungen der öffentlichen Hand und von Privaten zeichnen sich kaum Zukunftsperspektiven für die Region ab. Neue Initiativen wie der Nationalpark Gesäuse bilden zwar einen Lichtblick, vermögen aber die schwierige wirtschaftliche Situation nicht grundsätzlich zu verändern. Und auch Haribo-Besitzer Hans Rieger („Haribo macht Kinder froh“), der in Hieflau ausgedehnte Ländereien besass, konnte den Ort nicht retten, obwohl er zu Weihnachten – wie unser Wirt berichtet – jeweils jedem Hieflauer eine grosse Packung Gummibärchen schicken liess.

Der Nationalpark Gesäuse ist das Thema, dem wir uns heute widmen. Auf dem Parkplatz vor dem Gemeindeamt erwarten uns Nationalparkdirektor Herbert Wölger, Kulturphilosoph Jens Badura sowie Hannes Leinweber und Hans-Peter Scheb von der Bergrettung Gesäuse. Sie begleiten uns auf der Wanderung über die Hochscheiben Alm nach Gstatterboden, wo am Nachmittag das Gespräch mit Skyrunner Christian Stangl stattfinden wird. Vorbei an der Autokolonne, in der die Besucher nach Eisenerz zum „Erzberg-Rodeo“ hinaufsteuern, überqueren wir die Enns und steigen auf einem steilen Pfad durch den Bergwald hoch. Unsere sportlichen Begleiter geben das Tempo vor und es geht zügig bergan. Schon bald bewegen wir uns in der Kernzone des Nationalparks, wo kaum mehr menschliche Eingriffe stattfinden. Eine Ausnahme bilden die beiden aus der Kernzone ausgeklammerten Almen an unserem Weg, die von Almwirten im Auftrag des Nationalparks bewirtschaftet werden und ökologische Auflagen beachten müssen. Je höher wir steigen, desto mehr blicken wir in die steilen Flanken der Gesäuseberge mit ihren markanten Felsformationen hinein. Tief unten im Tal windet sich die Enns durch ihren Canyon.

Wie viele andere Regionen im Osten Österreich prägte die Forstwirtschaft das Ennstal über Jahrhunderte hinweg. Diese verkaufte den Gewerbe- und Industriebetrieben das überlebenswichtige.Energieholz. Für die Verhüttung des am Erzberg abgebauten Eisenerzes bildete die Köhlerei ein wichtiges Gewerbe, dem viele Einheimische Arbeit fanden. Mit dem Bau der Rudolfsbahn durch das Ennstal in den 1870er-Jahren veränderte sich die Situation schlagartig. Billige Steinkohle aus dem Unterland ersetzte das Holz als Energieträger und das Forstgewerbe verlor seine wirtschaftliche Basis. Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen die neugegründeten Steirischen Landesforste einen grossen Teil der Wälder von den Grossgrundbesitzern, um die Zerstückelung des Waldes in kleine Parzellen zu verhindern. Ein Teil dieser Ländereien bildete im Jahre 2002 die Basis für die Gründung des Nationalparks. Unser Begleiter Hans-Peter berichtet davon, wie er zusammen mit anderen an den jahrelangen Vorstudien beteiligt gewesen sei. Mit der Eisenbahn kamen dann übrigens auch die Bergsteiger aus der Stadt ins Gesäuse. So verfasste der Wiener Alpinist Heinrich Hess 1884 über das Gesäuse den ersten deutschsprachigen Tourenführer über ein Gebiet in den Alpen.

Der Nationalpark Gesäuse besitzt eine Fläche von 110‘000 Hektaren und erstreckt sich über die Gemeinden Admont, Johnsbach, Landl, Weng und St.Gallen. Seine Gründung geht einerseits auf die langjährige Forderung von Umweltschutzorganisationen zurück, das ökologisch und landschaftlich wertvolle Gebiet in der Obersteiermark besser zu schützen. Andererseits bildete der Nationalpark für Bund und Land aber auch einen willkommenen Anlass, die finanzielle Situation der Landesforste zu aufzubessern. Heute bezahlt der von Bund und Land finanzierte Nationalpark den Landesforsten für entgangene Nutzungen eine Entschädigung von rund 300‘000 Euro im Jahr und entlöhnt zudem neun Mitarbeitende der Landesforste. Ein Team von rund fünzig Mitarbeitenden (ca. dreissig Vollzeitäquivalente) ist für das Management des Nationalparks zuständig. Die Mitarbeitenden sind in den Fachbereichen Natur- und Umweltbildung, Naturschutz / Naturraum, Kommunikation und Wald- und Wildmanagement tätig.

Unterwegs erhalten wir unseren Begleitern vertiefte Informationen zum Nationalpark-Management, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Borkenkäfer. Mit einer neuen Zonierung soll die Bekämpfung des Borkenkäfers zukünftig stark eingeschränkt werden, um der natürlichen Entwicklung ihren Lauf zu lassen. Verhältnisse wie im Bayerischen Wald, wo der Borkenkäfer den Wald grossflächig zusammenbrechen liess, sind allerdings laut Direktor Wölger nicht zu erwarten. Vielmehr erwarten die Fachleute, dass sich nach einigen Jahren ganz von allein ein neues Gleichgewicht zwischen gesunden und kranken Bäumen einstellen wird. Ziel ist es, die Gebiete ohne menschliche Eingriffe im Nationalpark auf rund drei Viertel der Fläche auszudehnen. Damit wird im Gesäuse in den nächsten Jahrzehnten wieder grossflächig (sekundärer) Urwald zugelassen, der die aktuelle Fläche des Wildnigsgebietes Dürrenstein sogar noch übertrifft.

Auf der Niederscheiben-Alm versucht Dominik erneut vergeblich, mit Radio Steiermark Kontakt aufzunehmen. Auch in einem Winkel der Almhütte, wo es sonst immer funktioniert, gibt es keinen Handy-Empfang. Das veranlasst Andreas Hollinger, den Kommunikationsleiter des Nationalparks, am Nachmittag zur Bemerkung, dass die Handysierung der Welt wohl ein weiterer Unterschied zu 1992 ist – wie recht er hat. Nach einer ausgedehnten Brettl-Jause gibt Jens Badura eine Lesung. Er hat für uns eine Sammlung von Zitaten aus der philosophischen Weltliteratur zum thema „Gehen“ zusammengestellt, die er mit eigenen Kommentaren ergänzt. Der Schreibende ist philosophisch nicht bewandert, aber vielleicht lässt die Lesung in Abwandlung eines berühmten Satzes so zusammenfassen: „Ich gehe, also bin ich.“

In Gstatterboden (Gemeinde Weng) sind wir in der komfortablen Gesäuse Lodge untergebracht, die seit ein paar Monaten von einer jungen niederländischen Familie geführt wird. Dieses Gästehaus ist der Initiative des Nationalparks zu verdanken, der sich um neue Übernachtungsmöglichkeiten bemüht. Denn die Zeiten sind vorbei, als im Gesäuse die Hochblüte der Sommerfrische war und Admont mehr Übernachtungen aufwies als Kitzbühel. Das schöne alte Haus, in dem die Lodge untergebracht ist, war die Dependance des einstmals berühmten Hotels Gesäuse, das vor einigen Jahren abgerissen wurde. Dieses Hotel war so vornehm, dass der Wirt die Bergsteiger dazu anhalten musste, auf der Hotelterrasse zu essen, um die betuchten Hotelgäste nicht beim Dinnieren zu stören.

 

1 thought on “Landesforste und Nationalpark – von Hieflau nach Gstatterboden

  • Liebe Grüße nach unterwegs! Ich wandere in Gedanken mit!
    … und bald: herzliche Grüße an die Frieners, bin schon sehr gespannt, was Ihr mit ihnen berichtet!

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