Kölblwirt und wilder John – von Gstatterboden nach Johnsbach

Die Route nach Johnsbach erscheint uns zunächst kurz und wir starten spät in Gstatterboden. Das würde uns bei diesem heissen Wetter passen. Doch wir sollten uns in der Weglänge einmal mehr täuschen, zum Glück bleibt es jetzt am Abend schon lange hell. Die erste Überraschung ist eine grosse Schlange – eine Zornnatter? – die sich gleich hinter dem Bahnhof auf dem kiesigen Weg sonnt. Langsam und unwillig weicht sie uns Störefrieden aus und verzieht sich ins Gebüsch.

Der Weg entlang der Enns und dann hinein ins Johnsbachtal ist abwechslungsreich. Bei der ÖBB-Station Johnsbach, wo allerdings nur noch ganz wenige Personenzüge halten, überquert die Fussgängerbrücke die Enns und gewährt einen grossartigen Blick in die steil aufragenden Wände der Gesäuseberge. Auf der rechten Seite der Enns liegt das Nationalpark-Besucherzentrum Weidendom, das seinen Namen den grossen Weidegeflechten verdankt, die die Aussenanlagen schmücken. Lehrreich ist der „Begehbare ökologische Fussabdruck“, der hier erfunden wurde. Dass Umweltbildung im Nationalpark Gesäuse gross geschrieben wird, zeigt sich auch auf dem Erlebnisweg, der uns entlang dem Johnsbach ins Tal hinein geleitet. Heute fliesst der Bach ruhig in seinem Bett, aber bei starken Niederschlägen kann er so richtig wild werden. Mit originellen Posten, die für Familien und Kinder besonders attraktiv sind, erzählt der Weg die Geschichte des wilden John, der zuerst gezähmt und dann wieder befreit wurde (es geht um den revitalisierten Johnsbach).

Der Erlebnisweg ist zu Ende, doch der nun folgende Fussweg nach Johnsbach wird länger und länger. Unterhalb des Dorfes ist die Strasse durch einen Felsen geschlagen, das Silberreittor. Die Sage erzählt, dass hier einmal ein Junge eingeschlossen wurde. Erst am nächsten Palmsonntag öffnete sich das Tor wieder, und der Junge kam frisch und munter hinaus. Seine Taschen waren voll mit Gold- und Silberstücken gefüllt, die er im Fels drinnen gefunden hatte. Wir erreichen Johnsbach, wo im Gasthaus zum Donner ein paar Männer beim Bier sitzen. In diesem Dorf leben heute ganzjährig noch rund 150 Menschen, vor hundert Jahren waren es mehr als doppelt so viele gewesen. Schule, Post und Laden sind geschlossen und der Ort ist seit einigen Jahren keine eigenständige Gemeinde mehr. Dennoch floriert in Johnsbach der Alpintourismus und den Gastbetrieben geht es gut. Allerdings ist dafür viel persönliches Engagement notwendig, wie das Beispiel des Kölblwirtes zeigt.

Zu unserem Leidwesen müssen wir vom Dorf zum Kölblwirt noch eine weitere Stunde gehen, bis wir endlich an unserem heutigen Tagesziel eintreffen. Heute Abend ist es sommerlich warm draussen im Gastgarten, als Barbara Reitler vom Oesterreichischen Alpenverein zu uns stösst. Sie hat heute gemeinsam mit ihrem Partner den Südgrat am Grossen Buchstein gemeistert, eine nicht allzu schwierige, aber luftige Kletterei, wie sie berichtet. Barbara ist beim Alpenverein verantwortlich das Projekt „Bergsteigerdörfer“. Sie hat für uns die Treffen vor einigen Tagen in Lunz und nun hier in Johnsbach und morgen auf der Mödlinger Hütte vorbereitet. Johnsbach sei eines der originalsten Bergsteigerdörfer, erklärt uns Barbara, denn hier werde ein sanfter Alpintourismus gestaltet, welcher die lokale Bevölkerung und Infrastruktur stärke, den Vorstellungen von naturliebenden Gästen entspreche und dabei die Erschliessungsspirale nicht antreibe. Im Zusammenhang mit den Bergsteigerdörfern sieht sie als grösste Herausforderung, die Vorstellungen von Alpenverein, Hüttenwirten und Gästen zusammenzubringen. Etwas später kommt auch der Kölblwirt hinzu, in Österreich eine Legende für den sanften Alpintourismus. Ludwig Wolf hatte sich in den Anfangsjahren, als er noch Bürgermeister von Johnsbach war, auf politischer Ebene stark für die Bergsteigerdörfer eingesetzt. Und sein Gasthaus ist zu einem Modell für die Partnerbetriebe der Bergsteigerdörfer geworden.

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