Whatsalp 2017 – Ein Herkulesprojekt – Gastblog von Anke Biedenkapp

Allerdings brauchte der antike Halbgott nur einen Stall ausmisten und elf weitere Einzeltaten zu vollbringen, bevor er seine Aufgaben erledigt hatte.

Das Vorhaben des whatsalp-Teams ist indes wesentlich komplexer: Vier Monate die Alpen von Wien bis Nizza durchwandern, um auf die zeitgenössischen Herausforderungen dieser einzigartigen Bergwelt aufmerksam zu machen: Folgen des Klimawandels, Verlust der Artenvielfalt, moderne Landwirtschaft, wachsende Mobilität, zeitgemäße Energiegewinnung, (nachhaltige) Wertschöpfung, infrastrukturelle Eingriffe, touristische Erschließungen, demographische und kulturelle Veränderungen …

Durchaus Phänomene, die in unserer globalisierten Welt auch andernorts zutage treten. Aber in diesem sensiblen Landschaftsraum sind sie besonders prägnant – und es stellt sich die Frage nach zukunftsfähigen Lösungen für:
– den sichtbaren Rückgang der Gletscher;
– Stauseen mitten in Natur-(schutz)gebieten,
– den Zickzack-Verlauf von Staats- und Religionsgrenzen,
– das Nebeneinander von Flussläufen, Gleisen, Straßen, Rad- und Fussgängerwegen in engen Tälern bzw.
– die Abwesenheit von Verkehrsanbindung und digitaler Erreichbarkeit in abseits gelegenen Orten
– etc.

Das Bio-Kräuter-Schlössl versucht sich im Etschtal mit schützenden Plastikfolien gegen die pestizidgetränkte Apfelbaum-Monokultur zu behaupten.
Andere begegnen der aktuellen Entwicklung mit Abwanderung in städtische Zentren – während ein Südtiroler Kuhhirte sich weder aus der Ruhe noch aus seinem Tal bringen läßt.
Und die Gastronomie greift auf Arbeitskräfte aus Rumänien, Moldavien oder Äthiopien zurück, um den BesucherInnen die lokalen Spezialitäten servieren zu können.

Die intensive Nutzung der Kulturlandschaft zieht eine starke Dezimierung der Biodiversität nach sich; einheimische Tiere und Pflanzen sind immer seltener in der Natur anzutreffen.
Indes nimmt die Spezie der RadfahrerInnen immer neue Erscheinungsformen an:
Sie gliedert sich im Wesentlichen in zwei Gruppen, solche mit signalfarbenen Trendsport-anzügen und jene mit creme-brauner Tarnbekleidung. Letztere sind v.a. auf Rad- und Feldwegen anzutreffen und verfügen zunehmend über „elektrische Unterstützung“, wäh-rend erstere meist auf dünnrädrigen Rennmaschinen Auto- und Passstraßen frequentieren oder als MountainbikerInnen bevorzugt (und verbotswidrig) auf engen Pfaden in Wald, Berg und Wiese anzutreffen sind.

Auch mit Blick auf die langlebigen Produkten der Chemieindustrie scheinen der Vielfalt keine Grenzen gesetzt: Zwar verlieren Plastiktragetaschen europaweit an Akzeptanz. Und Plastikpartikel im Meer, am Strand sowie in Speisefischen und Kosmetika sorgen für eine gewisse gesellschaftliche Unruhe. Aber noch scheinen in der (alpinen) Praxis,
– Mikrofaserkleidung sowie schützende Planen bzw. Netze aus Kunststoffen unersetzlich
– PET-Flaschen als Werbeträger wertgeschätzt,
– „naturgetreue“ Skulpturen ein guter Ersatz für verschwundene Wildtiere und
– Nylon-Teebeutel (für Biokräuter!) das ästhetische Non-plus-ultra.

Doch „die Moderne“ bringt auch Impulse in die Täler und Berge, die um mehr Einklang mit lokaler Natur, Kultur und Ökonomie bemüht sind. Eine ganz besondere Rolle nimmt dabei die Kulinarik ein, der genießerische Umgang mit Essen und Trinken: In Poschiavo werden aufgelassene Terrassen zu einem Panoramaweg umgewandelt – der zugleich als „Nasch-pfad“ konzipiert ist. Auf öffentlichen Plätzen und in Hotelgärten finden sich zunehmend Nutzpflanzen, die in der jeweiligen Küche verarbeitet werden. Der Buchweizenanbau wird wieder ausgeweitet, weil das daraus bereitete Nudelgericht, Pizzoccheri, sich ebenso wachsender Beliebtheit bei den Gästen erfreut, wie die leckeren Weine, Käsesorten und Gewürze aus der Region – die jeweils auch gut als Mitbringsel dienen können.

Dass sich das whatsalp-Kern-Team [allen voran die Geographen Dominik Siegrist und Harry Spieß] seit langen Jahren hauptberuflich mit diesen – und vielen anderen – Themen beschäftigt hat, wird nicht zuletzt durch die wohl überlegte Streckenführung (be-)greifbar. Und nicht nur das, sie haben vor Ort auch viele Veranstaltungen und Treffen organisiert. Im Schnitt bietet sich alle zwei bis drei Tage die Gelegenheit, jeweils mit einheimischen AkteurInnen ins Gespräch zu kommen und mit lokalen Besonderheiten vertraut gemacht zu werden.

Das zu planen, vorzubereiten und von unterwegs zu koordinieren ist alleine schon eine Meisterleistung. Gemäß dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ kommt noch das Management der Öffentlichkeitsarbeit dazu: Ergebnis der guten Vorarbeit ist, dass sich Immer wieder unterwegs oder zu den einzelnen „Events“ MedienvertreterInnen einfinden, um O-Töne einzufangen, Interviews zu führen oder die Wandernden „filmisch festzuhalten“. Die Liste der Veröffentlichungen und Ausstrahlungen wächst täglich. Und damit nichts Wichtiges verloren geht, füllen die beiden Professoren ihren eigenen Blog regelmäßig mit den spannendsten Infos und Filmszenen (https://whatsalp.org).

Kommunikation ist auch das zentrale Thema der Whatsalp-TeilnehmerInnen unterein-ander. Denn außer dem aus Dominik und Harry bestehenden „Kern-Kernteam“ ist die Zusammensetzung der Gruppe einer stetigen Veränderung unterworfen. Anlässe für Gespräche und stetiger Informationsbedarf sind somit vorprogrammiert: herzliche Begrüßungen, noch herzlichere Abschiede, fachliche Inputs, informeller Austausch der unterschiedlichen Erfahrungen und Kenntnisse, sich verändernde Perspektiven, Wetterprognosen, jeweilige Tagesplanungen oder vorübergehende Unpässlichkeiten.
Dem tragen die beiden Cheforganisatoren mit einer unerschütterlichen Mischung von Freundlichkeit und Gelassenheit Rechnung.

Und schließlich ist – trotz des anspruchsvollen (Wander-)Programms auch Raum für individuelle Eindrücke und Erlebnisse sowie „Klassiker“ entlang der abwechslungsreichen Route:
– Kloster- und Museumsbesuche, zum Eintauchen in die Kulturgeschichte
– ein ständig wechselndes, aber durchgängig faszinierendes Bergpanorama mit farbenfreudigen Blumen und Alpenglühen, das die Kamera nicht zur Ruhe kommen lässt.
– Bäche, Seen und Brunnen, die zur erfrischenden Abkühlung einladen
– pfeifende Murmeltiere in der Ferne – und in der Nähe: Auf Du und Du mit der Kuh!

Alles in allem eine gelungene Kombination zwischen Sommerurlaub und „Sensibilisierung für ein nachhaltiges Leben im Alpenraum“. Zu letzterem können wir alle beitragen: durch unseren Lebensstil im Alltag und im Urlaub sowie durch eine Spende zum Whatsalp-Crowdfunding (https://wemakeit.com/projects/whatsalp-wien-nizza).