Goldrain/Coldrano und die retroguardia der whatsalp-WandererInnen – Gastblog von Urs Schori

Nachdem ich das whatsalp-Team am ersten Tag bis an den Stadtrand Wiens und bis zu den ersten knapp sichtbaren Alpenausläufern begleiten durfte, stieg ich nun in Meran auf ziemlich genau derselben Höhe über Meer wieder ein. Da die Vinschgaubahn über mehrere Wochen nicht fährt (Probleme mit der Steuerung der Bahnschranken, ein ziemliches Desaster für den Tourismus – doch auch die zusätzlichen Beschwerlichkeiten der Einheimischen sind nicht zu vergessen!), mietete ich mir in Mals ein Fahrrad um nach Meran ‚runterzuradeln – dieselbe Strecke wie am folgenden Tag wieder bergwärts, siehe Blogeintrag <Apfelplantagen, Pestizide und Bio-Kräuter – von Meran nach Glurns>. Etwas vom ersten, was mir in Meran in die Augen stach, waren zahlreiche Plakate, welche dafür warben, die faschistischen Orts-, Flur- und Bergnamen zu streichen. Zuerst war ich ziemlich irritiert. Was soll das? Für mich waren diese Namen bisher immer zweisprachig – auch in Andenken an meinen Bruder, welcher die Gegend sehr gern hatte und immer alles zweisprachig aussprach. Mein Bild war, dass Südtirol, trotz Zugehörigkeit zu k&k Österreich-Ungarn, schon seit jeher eine deutsch-italienische Mischbevölkerung hatte (das ist zwar nicht völlig falsch, doch der Anteil der Italienischsprachigen war klein, weniger als 5% – jetzt nachgeschaut). In abendlichen Gesprächen erfuhr ich, dass es sich bei den italienischen Namen mit wenigen Ausnahmen um Kunstnamen handle, welche erst der italienische Faschismus eingeführt hatte. Nun soll das also rückgängig gemacht werden. (Dazu z.B. https://www.welt.de/kultur/article158832793/48-Faschistenversteher-gegen-deutsche-Namen.html).
Also geht’s jetzt nicht durch Lagundo, Naturno, Castelbello, Coldrano, Silandro, Lasa und Prato nach Glorenza, sondern durch Algund, Naturns, Kastelbell, Goldrain, Schlanders, Laas und Prad nach Glurns. Das Fahrrad gab ich nicht in Malles Venosta zurück, sondern schlicht in Mals. Kleine Anekdote: Vor vielen Jahren fuhr ich mit der Vespa bei Martina im Unterengadin über die Grenze. Der österreichische Zollbeamte fragte mich, wohin des Weges. Mit meinem Flair fürs Italienische sagte ich: „Nach Glorenza“. Worauf er: „Na, spreechen’S doch nit Ruussisch!“

Ab Glurns nun per Pedes weiter. 25 Jahre nach TransALPedes, wo ich auf der Teilstrecke Hohe Tauern mit von der Partie war. Die Wanderung nach Santa Maria im Münstertal war leichtes Einlaufen. Doch am Tag darauf war ich erstaunt ob des ziemlich horrenden Tempos, welches beim Aufstieg durchs phänomenal schöne Val Vau angeschlagen wurde. Wo bleibt das Geniessen, wo bleibt der kurze Einhalt um die Landschaft auf sich wirken zu lassen, wo bleibt etwas Musse? Kann es sein, dass unser immer hektischer werdende Alltag mit übervollen To-Do-Listen, mit Kontakten und Koordination immer und überall, auch Auswirkungen auf den Wanderstil hat? TransALPedes (ich kann’s nur für die Hohen Tauern beurteilen) war anstrengend, sehr anstrengend, doch in meiner Erinnerung deutlich weniger hektisch. Resultat war, dass ich mich auf den Etappen nach Rifugio Fraele (nahe Fraelepass), nach Rifugio Federico di Dosdè (nahe Pass da Val Viola) und Cavaglia (Abstieg durchs wunderschöne Valle di Campo) in der Musse und Badegelegenheiten zugewandten retroguardia wiederfand, also schlicht immer hintennachkommend.

Whatsalp will hinschauen, was sich in den 25 Jahren im Alpenraum verändert hat, und natürlich auch, wie wir 25 Jahre später die Dinge wahrnehmen. Nebst meiner Wahrnehmung des hektischeren Wanderns – ob das so ist oder nicht, bleibe dahingestellt – ist dies wohl oder übel auch die dramatische Sichtbarkeit des Klimawandels, im besonderen des Gletscherschwundes. Vom Rifugio Federico di Dosdè betrachteten wir die Gletscher und Ewigschneefelder an den Nordflanken des Sasso di Conca, Cima Lago Spalmo und Cima Viola. Mit dabei hatte ich die Karte <Bernina>, welche auf der Datenbasis der 70-er Jahre beruht (ja, ich weiss, ich werde mein Kartenmaterial aktualisieren…). Was damals eine Gletscherwelt, eine Eiswelt war, sind heute Restgletscher mit wenig Eisdicke. Die geringe Eisdicke lässt problemlos erahnen, wie es wohl schon in wenigen Jahren ausschauen wird. Und so sah es auf der Dufourkarte 1899 aus…

In Cavaglia muss ich mich leider entscheiden, nach Hause zu fahren, – gerne hätte ich wieder mal etwas Zeit im Städtchen Poschiavo und in der Val Poschiavo verbracht, doch die vermisste Katze entschied, den Weg (d.h. die Bahn) nach oben zu nehmen. Die Katze ist inzwischen wieder aufgetaucht und schaut, wie ich Blog schreibe.

Sicherlich werde ich spätestens im Wallis bei whatsalp wieder mit von der Partie sein. Herzlichen Dank an alle, die das Mitwandern ermöglichen. Und alles Gute für die Fortsetzung! Ci vediamo!