Freiheit und / oder regionalwirtschaftliche Förderung? Gastblog von Barbara Haller Rupf

Nach Ruhetag und rauschender 1.-August-Party in Vals zieht der Whatsalp-Tross am 2. August vorbei an Zervreilastausee und Zervreilahorn über die Lampertschalp entlang dem Valserrhein zur Läntahütte. Vor einigen Jahrzehnten wurde hier der Ausbau der Wasserkraft mit einem weiteren Stausee über der Lampertschalp bis fast hinauf zur Läntahütte diskutiert und nach heftiger Opposition und Ablehnung der Gemeinde Vals verworfen. Peter Schmid – ehemaliger Lehrer, Touristiker und Schafhirt – erzählt vom damaligen Widerstand gegen den Stausee und sein Stolz auf den Valser Entscheid gegen die Millionenentschädigung ist nach wie vor spürbar.
Und heute? Peter Schmid schildert der Whatsalp-Wandergruppe, warum er den geplanten Parc Adula bis zur Abstimmung im November 2016 bekämpfte: er habe nicht Lebensjahre gegen die Flutung der Lampertschalp eingesetzt, um sich nun verbieten zu lassen, weiterhin frei durch das Ursprungsgebiet des Valserrheins zu streifen, wie er es als Schafhirt getan habe. Für ihn gebe es nicht den Menschen und seine Umwelt, er sei Teil dieser hochalpinen Ur-welt. Gerade das Wegegebot als Auflage einer Kernzone eines Nationalparks sei veraltet, kaum mehr jemand verlasse die Wege in den Alpen, dies wird auch vom langjährigen Hüttenwart der Läntahütte Thomas Meier bestätigt. Die Gründe für das Verbleiben auf Wegen und Routen seien entweder der Wunsch, sportlich vorwärts zu kommen oder die Angst, sich im Gelände nicht zurechtzufinden oder zu verletzen. Peter Schmid betont, die Gegend rund ums Rheinwaldhorn sei kein Park, das wecke falsche Vorstellungen, sie sei eine Urlandschaft, die man nicht schützen, nur seinlassen müsse. … Und mit bedauerendem Blick auf den stark abgeschmolzenen Läntagletscher meint er, dass dieser mit oder ohne Adulapark die nächsten Jahrzehnte nicht überlebe.
Den Freiheitsdrang des bald 70-jährigen Kämpfers und die tiefe Abneigung vor der drohenden Einschränkung in seiner Welt verstehe ich gut. Gleichzeitig frage ich mich, warum die Chancen, welche das Nationalparklabel den Standortgemeinden des Parks Adula gebracht hätten, mit dem Verlust der Freiheit einzelner aufgewogen werden mussten. War und ist es nötig, dass sich diese beiden Anliegen gegenseitig ausschliessen? Warum ist kein Kompromiss möglich? Warum gibt es in dieser Frage nur schwarz oder weiss, ja oder nein?
Aus der Perspektive der Regionalwirtschaft sehe ich in (neuen) Nationalpärken in erster Linie Chancen. Die Bezeichnung „Nationalpark“ ist für Touristen, welche eine Region (noch) nicht kennen und von weiter her, eventuell aus neuen Überseemärkten kommen, eine starke Orientierung in der Wahl ihres Ziels. Ein Nationalpark kann als Grundlage für einen naturnahen Tourismus und damit für ein wirtschaftliches Auskommen für die Bevölkerung dienen. Und wirtschaftliche Existenzmöglichkeiten sind letztlich Grundlage für die dauernde Besiedelung des Alpenraums und damit des Weiterbestehens und der Weiterentwicklung einer alpinen Kultur.
Ich will nicht fragen, ob die Freiheit des ‚alten Schafhirten‘ den Verzicht auf dieser Chancen wert ist – vielmehr frage ich, warum es nicht möglich ist, die Chancen zu packen und dem Schafhirten seine Freiheit zu lassen.