„Intakte Natur ist unser touristisches Kapital“ – Auszug aus dem TransALPedes-Buch „Alpenglühn“ (1993)

Im März 1989 haben 54 Prozent der Valser Stimmberechtigten Nein zu einem Grossprojekt gesagt: Die Kraftwerke Zervreila AG, die von Ostschweizer Städten und Kantonen kontrolliert wird, wollte die Lampertschalp hinter dem heutigen Zervreilasee in einem neuen Pumpspeichersee ertranken, der bei vollem Wasserstand (Staukote 2045 Meter) bis knapp unter die Läntahütte gereicht hatte. Die Talsperre wäre 85 Meter hoch geworden. Vais hatte einmalig (für den vorzeitigen Verzicht auf den 2037 anstehenden Heimfall sowie für die Konzessionsverlängerung des bestehenden Kraftwerkes) zwölf Millionen Franken oder eine Kapitalbeteiligung im gleichen Wert plus jährlich 640 000 Franken erhalten. Das Valser Nein war ein unerwarteter, harter Schlag für die Wasserkraftlobby, die es gewohnt war, Bündner Gemeinden mit Geld ködern zu können. (Zwei Jahre später machten die Bündner Kraftwerke die gleiche Erfahrung. Fi.inf van elf Gemeinden lehnten das Ausbauprojekt im unteren Prättigau ab, womit das Vorhaben vom Tisch war.)
Der Treuhänder Moritz Schmid, der 1989 zur Gegnerschaft des Projektes Lampertschalp gehörte und inzwischen Gemeindepräsident geworden ist, skizziert die Politik der Gemeinde: »Vals hat nicht auf Geld verzichtet, sondern will sich dieses Geld mit der intakten Landschaft im Tourismus verdienen und kämpft für eine gerechte Entschädigung aus dem bestehenden Kraftwerk in Zervreila beziehungsweise für eine bessere Abgeltung der Stromproduktion an die Berggebiete. Er formuliert eine Strategie, die für alle Bündner Gemeinden in einer ähnlichen Situation gültig ist: „Wir erwarten, dass in absehbarer Zeit die Kraftwerkgesellschaften gerechter besteuert werden (keine Gewinnverschiebungen mehr ins Unterland durch sogenannte Partnerwerke; gerechte Wasserzinsen, der Teuerung angepasst) und dass uns dies mehr einbringt als die Zerstörung des Läntatals.“ Für Schmid ist klar, dass Vals vom Nein zum Projekt Lampertschalp profitiert hat: „Der Tourismus hat insbesondere im Sommer eine neue Blütezeit erfahren. Nach dem Fahrplan der Kraftwerkgesellschaft stünden wir im Vorfeld der Bauphase, und der Verkehr wäre bis zur Überbordung angestiegen.“
Nach Ansicht von Hansueli Baier, Therme-Direktor und Präsident des Verkehrsvereins, darf sich Vals zu Recht eines sanften Tourismus rühmen, weil drei Bedingungen beachten wurden: „Erstens: die Gesamtkapazität der Gästebetten übertrifft die Zahl der Einhzeimischen (1000) nicht. Zweitens: Hotellerie (480 Betten) und Parahotellerie ist aufgrund der Distanz zu den Zentren und der Verkehrsmittel bescheiden.“ Auch Baier zählt die Ablehnung des Projektes Lampertschalp zu den Förderungsmassnahmen für einen sanften Tourismus. Gleichzeitig betont er, wie wichtig es für Vals ist, nicht einsietig vom Tourismus abhängig zu sein: „Ohne Mineralwasserabfüllanlage und ohne Kraftwerk wäre Vals eine unter Bevölkerungsschwund leidende Berggemeinde.“
Hier in Vals zogen und ziehen Gemeinde und Verkehrsverein am selben Strick. Ein Blick zurück zeigt, dass dies nicht überall so ist. In Poschiavo beispieslweise weiss der Präsident des Verkehrsvereins die Gemeindebehörden nicht hinter sich. Das Projekt der Kraftwerke Brusio bringe dem Puschlaver Tourismus „mehr Nachteile als Vorteile“, hat Alfonso Colombo vor einer guten Woche formuliert. „Der vorgesehene Ausbau der Kraftwerkanlagen im Puschlav und auf dem Berninapass steht in schroffem Gegensatz zum Umwetlempfinden des heutigen Gastes.“ Nochmals anders präsentiert sich die Situation in Avers. Dort spricht sich der Hotelbesitzer und Gemeindepräsident Bruno Loi für das Projekt Madris aus, weil er hofft, dass so Infrastrukturbauten finanziert werden. Eine andere Sicht vertritt Burga Menn aus Juf, die auch vom Tourismus lebt: „Fortschritt heisst heute, das bewahren, was wir haben. Wir können gut verdienen, ohne zu investieren – mit bleiben lassen, nichts mehr kaputt machen. Das ist unser Kapital.“ Noch steht im Puschlav und im Avers keine Mehrheit hinter diesem neuen Denken.