Eisenbahn-Nostalgie und Wildwest-Stimmung im Ybbstal – von Lunz am See nach Hochreith

Heute teilt sich die whatsalp-Gruppe und geht geteilte Wege, was aufmerksame Beobachter im Internet sofort bemerken. Franz und Thomas wählen eine längere Route über die Berge, Harry beschäftigt sich mit Prüfungen seiner Schüler, Dominik arbeitet am Vormittag noch in Lunz und nimmt dann den direktesten Weg nach Hochreith. Der direkteste Weg, das ist in diesem Fall die Strecke der vor einigen Jahren stillgelegten Ybbstalbahn zwischen Lunz und Göstling. Ausser gelegentlichen Nostalgiefahrten ist auf dieser Linie nichts mehr los, so dass einem die Wanderung über die rostigen Geleise und morschen Schwellen wie in einem Wildwest-Film vorkommt.

Informationstafeln am Bahnhof von Lunz erinnern daran, wie das Aufkommen der Eisenbahn im 19. Jahrhundert das Lebensgefüge der Menschen veränderte. Um Unfälle zu vermeiden, mussten die Züge nach einem genauen Fahrplan verkehren, anders als die Fuhrwerke. Damit fügte sich die Eisenbahn in die neue Zeitdisziplin, wie sie auch die Arbeit in den Fabriken mit sich brachte. Parallel zu den Schienen entstanden Telegrafenleitungen, über die man zunächst nur Eisenbahnsignale, später jedoch auch allgemeine Informationen und private Nachrichten übertragen konnte. Die internationale Vernetzung des Bahnverkehrs war schliesslich auch ein Grund für die Vereinheitlichung der Zeit. Früher gab es in Europa eine Vielzahl von örtlich unterschiedlichen Zeitmessungen. Im Jahre 1888 wurde in Österreich die Zeitmessung nach Stundenzonen eingeführt, die dann ab 1891 als „Mitteleuropäische Zeit“ auf den Bahnhofsuhren internationale Bedeutung erlangte.

Noch 1992 lernten die TransALPedes-Wandernden den „Ybbstal-Express“ im Gespräch mit lokalen Verantwortlichen als mögliches Zukunftsprojekt kennen, welche den Tourismus der Region wieder beleben sollte. Doch das Zukunftsprojekt blieb aus und das Bundesland Niederösterreich, welches die Bahn der ÖBB abgekauft hatte, legte die Strecke 2010 still. Heute dokumentieren die Reste der Ybbstalbahn, die Bahnwärterhäuschen, Andreaskreuze und Hinweisschilder, an denen ich vorbeikomme, ein Stück Eisenbahngeschichte. Sie bildete während mehr als einem Jahrhundert ein Rückgrat des Netzes von Schmalspurbahnen in Niederösterreich. Die Strecke folgte dem Tal des Flusses Ybbs von Waidhofen bis nach Lunz am See und von dort über eine Bergstrecke nach Kienberg-Gaming. In Gstadt zweigte eine Stichstrecke nach Ybbsitz ab.

Die Ybbstalbahn wurde in den 1890er-Jahren eröffnet und diente zunächst in erster Linie dem Holz- und Erztransport, Das führte zu einem Aufblühen der Eisenindustrie in Ostösterreich, deren grosse wirtschaftliche Bedeutung bis in die 1960er-Jahre andauerte. Im 20. Jahrhundert erhielt die Bahn eine immer grössere Wichtigkeit für den Tourismus, v.a. zu den Blütezeiten der Sommerfrische. In den letzten zehn Jahren ihres Bestehens wurde das Angebot der Ybbstalbahn wegen der längeren, durch die Langsamfahrstellen bedingten Reisezeiten immer weiter reduziert und der Schülertransport auf Busse umgestellt. Im Gegensatz zur Mariazellerbahn war das Land Niederösterreich nicht bereit, die Ybbstalerbahn zu erhalten. Eine Initiative von Eisenbahnfreunden, den Grünen und prominenten Einzelpersonen zur Erhaltung der geschichtsträchtigen Bahnstrecke blieb ohne Erfolg. Auf und entlang der Bahnstrecke wurde ein Radweg erstellt, der 2017 eröffnet wird und von dem sich der Tourismus der Region wesentliche Impulse erwartet. Während ich die Schienen kurz vor Göstling verlasse, um nach Hochreith hochzusteigen, stelle ich mir noch einmal vor, welcher Betrieb auf dieser heute verlassenen Strecke einmal geherrscht haben muss, als es im Ybbstal noch keine schnelle Bundesstrasse gab.

 

 

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