Ein-, Aus-, Pass- und Talwanderer – von Salecina in die Rofflaschlucht

Die drei Tage in Salecina waren spannend, das Kulturseminar, das öffentliche Podiumsgespräch, unsere Medienkontakte und der Ausflug nach Chiavenna nehmen wir als gute Erfahrungen mit. Ruhetage waren das aber nicht gerade, und als wir heute früh mit einer grossen Gruppe von Mitwandernden den Lunghinpass hinaufsteigen, fühlen wir uns nicht sehr ausgeruht. Der Blick geht hinunter auf das vom Zweitwohnungsboom der letzten Jahrzehnte gezeichnete Maloja und hinüber nach Orden dent, wo ganz hinten Salecina liegt. Das 1971 vom linken Zürcher BuchhändlerInnenpaar Amalie und Theo Pinkus gegründete Ferien- und Bildungszentrum Salecina war vor 25 Jahren die Wiege von TransALPedes und letztes Jahr von whatsalp. Dominik ist in Salecina seit bald dreissig Jahren engagiert, sodass für ihn hier nicht nur in geographischer, sondern auch in kultureller und politischer Hinsicht die Mitte der Alpen liegt. Über Salecina gibt es viele interessante Geschichten und eine davon erzählt Dominik den Mitwandernden in der ersten Pause. Als lokale Promotoren vor zwanzig Jahren in Maloja einen Golfplatz bauen wollten, boten sie Salecina an, rund ums Haus hohe Netze zu spannen, damit die Gäste trotzdem noch draussen sitzen können. Das mitten im Landschaftsschutzgebiet geplante Projekt konnte schliesslich mit Hilfe von Umweltschutzorganisationen verhindert werden.
Vorbei am Lunghinsee, der auch schon Kraftwerksprojekte gesehen hat, kommen wir auf den Lunghinpass. Hier befindet sich die einzige Wasserscheide Europas, die in drei Meere entwässert: der Inn ins Schwarze Meer, die Mera in die Adria und die Gelgia (Julia) in die Nordsee. Nach einem kurzen Abstieg kommen wir zum Septimerpass, einem historischen Passübergang, der seit der Römerzeit von Bedeutung ist. 1992 standen wir unterhalb des Septimerpasses im Val Maroz und wählten eine etwas andere Route mit dem Ziel Val Madris. Hier auf dem Septimerpass sind wir nach dem Val Müstair zum zweiten Mal in der Schweiz in einem der neuen Regionalen Naturpärke, dem Parc Ela. Vor 25 Jahren waren diese Pärke noch kein Thema. Sie haben sich das hohe Ziel gesteckt, Modelle für eine nachhaltige Regionalentwicklung zu werden.
Wir brauchen nun etwas Überwindung, um nochmals einen steilen Anstieg unter die Füsse zu nehmen. Den Passübergang Forcellina, den wir nach etwa eineinhalb weiteren Gehstunden erreichen, war vor Jahrhunderten ein wichtiger Zugang für die Walser bei der Besiedlung des Avers. Obwohl hoch gelegen, war diese Route ins Tal einfacher als der gefährliche Weg von unten durch die Schlucht. So Blicken wir auf das Hochtal Avers mit Juf als eine der höchstgelegenen Gemeinden Europas. Der Historiker Jon Mathieu wird uns heute Abend dann erzählen, dass es mindestens fünf Orte in den Alpen gibt, die dieses Prädikat für sich in Anspruch nehmen. Auf dem Talboden angekommen, erwarten uns zu unserer Überraschung am Dorfeingang von Juf Jon, Felicitas, Andreas und Karin. Sie haben für heute und Morgen Abendveranstaltungen über das Avers und über das Rheinwald vorbereitet. Nach einem erfrischenden Bier auf der Terrasse des Edelweiss erreichen wir über den neu angelegten Talweg das Hotel Bergalga in Juppa. Diese 2004 gegründete Genossenschaft ist ein Schwesterprojekt von Salecina und verfolgt als Ziel unter anderemn, mit schonendem Tourismus und ökologischen Massnahmen zum Schutz des wichtigsten Guts im Avers, der intakten Landschaft beizutragen. Wenn immer sich eine Gelegenheit ergibt, steigen wir in diesem gastlichen Haus bei Silvia Graf, Willi Schmidt und deren Team ab.
Noch den anregenden Vortrag von Jon über Nicolin Sererhards Beschreibung des Avers im Kopf, wandern wir am folgenden Morgen weiter. Andreas hat uns auf die von Ina Boesch und Remo Arpagaus im Nüwa Hus über die Emigration im Avers gestaltete Ausstellung aufmerksam gemacht. So ist Cresta unser nächstes Ziel, das wir nun anpeilen und zum Nüwa Hus hochsteigen. Der Besuch der sorgfältig gestalteten Ausstellung lohnt sich, unter dem Titel „aus und ein“ spannt sie den Bogen von der Vergangenheit bis heute: „Sie thematisiert neben Wanderungen, die zu Niederlassungen führten, auch temporäre oder saisonale Bewegungen. Sie eröffnet den Zugang über Lebensgeschichten und gibt Zeitzeugen eine Stimme.“ (Ausstellungstext).
Harry und Dominik, die nach einem Interview mit einem Journalisten etwas nach der Wandergruppe beim Nüwa Hus eintreffen, kommen mit Kuratorin Ina Boesch ins Gespräch. Die bekannte Radiojournalistin und Publizistin hat die Häusergruppe oberhalb von Cresta vor einigen Jahren erworben und hier ein ganz besonderes Kulturprojekt installiert. Zusammen mit dem Verein hexperimente macht sie den abgelegenen Ort im Sommer jeweils zu einer Bühne, die letzten Jahre mit Theateraufführungen, dieses Jahr zum ersten Mal mit einer Ausstellung. Ina berichtet uns, wie die aktuelle Ausstellung in Fronarbeit erstellt wurde, praktisch ohne finanzielle Unterstützung durch die offizielle Kulturförderung. Dann geht unser Blick auf die weissen Bänder der vor Kurzem neu erstellten Landwirtschaftsstrassen, die für Millionen mit wenig Gespür in die sensible Averser Landschaft geschnitten wurden. Und wir fragen uns, ob so viel Geld für das Gedeihen der Talschaft nicht sinnvoller investiert werden könnte.
Wir verabschieden uns von Ina und machen uns auf den langen Weg das Avers hinunter, wo der Rest der Gruppe bereits unterwegs ist: Die Walsersiedlungen heissen Cresta, Cröt, Campsut, Innerferera, Ausserferera. Kurz nach Cresta halten uns Feriengäste auf, die gerade über ein altes Walserhaus fachsimpeln. Ob das ein Protestmarsch sei und wogegen, wollen sie von uns wissen. Wir klären sie über das Projekt whatsalp auf und verweisen auf die Website. Oberhalb von Innerferrera zweigen wir von der Hauptstrasse auf die 1895 erbaute alte Averserstrasse ab, die 2007 sorgfältig restauriert wurde. Wir lassen es uns nicht nehmen, whatsalp im „Wanderbuch“ zu verewigen, das der Verein alte Averserstrasse in einem Felsentunnel zum Eintrag bereit gelegt hat. Während die moderne Autostrasse die Engstelle durch lange Tunnels und über hohe Brücken überwindet, schmiegt sich die alte Strasse tief in die Schlucht hinein. Schwer vorstellbar, dass auf dieser Strasse noch vor wenigen Jahrzehnten die Postkutsche und sogar ein zehnplätziges Postauto verkehrte. Und dass das Avers vor dem Bau dieser Strasse nur zu Fuss erreichbar war. Auch der Postbote kam zu Fuss ins Tal, Pakete über fünf Kilogramm Gewicht mussten die Empfänger allerdings in der Poststelle in Andeer abholen gehen.
Weiter unten im Tal treffen wir auf ein Glasportal in der Felswand, gleich daneben steht ein Mitarbeiter der Kraftwerke Hinterrhein (KHR). Er erklärt uns, dass hier ein Stollen einige hundert Meter in den Berg hinein zur Kaverne mit der Zentrale Ferrera führt, in der das Wasser aus dem Lago di Lej turbiniert wird. Der KHR-Techniker hat gerade seine Schicht angetreten und den Kraftwerksbetrieb von Turbinieren auf Hinaufpumpen umgestellt. 15 Minuten dauere dieser Vorgang, der das Speichern von Energie in Form von Wasser im Stausee ermöglicht, erklärt er auf die entsprechende Frage von Harry. Und nicht ohne Stolz fügt er an, dass die ausgedehnte Kraftwerksanlage, die vom Avers inkl. angrenzendem Italien, dem Domleschg bis ins Hinterrhein reicht, die grösste ihrer Art in Graubünden sei. Wir erinnern uns daran, wie wir vor 25 Jahren die AktivistInnen der Arbeitsgruppe Val Madris-Curciusa getroffen hatten, die sich damals erfolgreich gegen die Pläne der KHR für Pumpspeicherseen im Val Madris und im Val Curciusa zur Wehr gesetzt hatten.
Schier endlos geht es weiter das Tal hinaus, teils über Wanderwege auf und ab, teils auf einer für Hunderte von Metern an die Autostrasse angehängten Brücke aus Eisengittern. Bei Ausserferrera durchqueren wir entlang des Averser Rheins das ausgedehnte Bergsturzgelände von Igls Cotschens, für das die Freizeitgesellschaft eine neue Nutzung gefunden hat: Dutzende von meist jugendlichen Kletterern tummeln sich zwischen den grossen Bergsturztrümmern. Bouldern heisst die junge Sportart, bei der man – mit dicken Matten vor den Folgen allfälliger Stürze geschützt – die Felsblöcke auf möglichst schwierigen Routen erklettert. Das Bouldergebiet Ferrera sei erst seit wenigen Jahren bekannt – und beliebt wegen der hohen Schwierigkeitsgrade, die hier gemeistert werden können, berichtet uns ein junger Mann. Dies bestätigt sich, als wir am nahen Campingplatz vorbei kommen und auf dem Parkplatz über die Autonummern aus ganz Europa staunen. Einige Zeit später kommen wir nach der Überquerung der San Bernardino-Autostrasse über eine schwindelerregende Wendeltreppe ziemlich ermattet im Gasthaus Rofflaschlucht an.