Discovering Valposchiavo Organic Smart Valley Poschiavo

Cassiano Luminati, Direktor des Polo Poschiavo, hat für uns in Poschiavo ein umfassendes Programm zusammengestellt. Harry und Dominik waren hier mit TransALPedes bereits vor 25 Jahren und sind nun sehr gespannt, was sich seither verändert hat. Dies umso mehr, als uns damals Andrea Hämmerle für Graubünden das „Bioland 2000“ prognostizierte. Am Bahnhof von Poschiavo gesellt sich noch eine Gruppe von Bürgermeistern aus dem Val Antrona (Ossola) hinzu. Da es dort auch einen Naturpark gibt, laden wir sie gleich zu unserem Treffen Mitte August im Landschaftspark Binntal ein.
In seiner Einführung erläutert Luminati die aktuelle Situation des Valposchiavo, dessen Regionspräsident er bis zur jüngsten Bündner Gebietsreform war. In dieser Funktion zeichnete er auch mitverantwortlich für die Alpweek und die Alpenkonferenz der Umweltminister, die die Alpenkonvention zusammen mit der CIPRA und weiteren Partnern im September 2012 in Poschiavo durchführte. Als Randregion spürt das Puschlav einerseits den allgemeinen Strukturwandel, profitiert aber aufgrund der Distanz zu den Zentren auch von einem gewissen Distanzschutz. Seit 1992 hat sich die Situation der Energiewirtschaft stark verändert und mit dem starken Schweizer Franken stagniert auch der Tourismus. Demgegenüber gibt es positive Entwicklungen, zu erwähnen sind das neue UNESCO-Welterbe Berninabahn und die Biolandwirtschaft.
Heute Nachmittag beschäftigen wir uns mit exemplarischen, für das Valposchiavo wichtigen Themen: die Caseficio Valposchiavo, das Kulturlandschaftsprojekt „Runchèt“, die Firma Repower, der biologischen Kräuteranbau von Reto Raselli und das Projekt 100% Poschiavo. Den Polo Poschiavo werden wir dann ein paar Tage später in Salecina genauer kennenlernen.
In der Caseificio Valposchiavo empfängt uns Präsident Cornelio Beti. Die Käserei entstand 2007 aus der Fusion zweier Betriebe, 2012 wurde das neue Gebäude in San Carlo eingeweiht. Gebaut wurde es mit finanzieller Unterstützung u.a. des Kantons und der Berghilfe. Heute liefern 35 Milchproduzenten ihre Biomilch in diese Käserei. Pro Jahr wird rund eine Million Liter Milch zu 100‘000 Kilogramm Käse (zehn Sorten), zu Joghurt, Quark und Frischkäse verarbeitet. Dabei wird nur Milch aus dem Tal verarbeitet, das keine grossen Transportwege hinter sich hat. Ein grosser Teil der Produktion wird über die Grossverteiler COOP und Migros in der Schweiz vermarktet. Die Caseficio Valposchiavo bildet eine zentrale Basis für die ökologische Ausrichtung der Puschlaver Landwirtschaft. Nicht nur die Ossolaner Bürgermeister, auch wir sind beeindruckt von diesem Vorzeigebetrieb.
Die nächste Station sind die Runchett, die alten Gärten in den steilen Hängen gleich oberhalb von Poschiavo. Hier bei der reformierten Kirche hätten früher die besseren Gärten der reformierten Oberschicht gelegen, erzählt die in Poschiavo aufgewachsene und vor einigen Jahren wieder hierher zurückgekehrte Landschaftsarchitektin Martina Cortesi, die sich um die Aufwertung dieses besonderen Kulturerbes kümmert. Sie hatte übrigens bei Dominik in Rapperswil studiert und dort ihre Abschlussarbeit mit dem Thema „Runchett im Valposchiavo – eine ‚fruchtige‘ Zukunft“ geschrieben. Wir steigen eine steile, halb mit Pflanzen überwachsene Steintreppe hinauf, bis wir einen schönen Blick über die Dächer von Poschiavo haben. Martina erzählt, wie sie hier oben als Kinder spielten, was in diesem felsigen Gelände nicht ganz ungefährlich war. Und berichtet vom geplanten Rundweg, dank dem die Runchett für die Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden sollen und von den Pflückgärten, die hier dereinst entstehen sollen. Ein wichtiger Bestandteil besteht dabei in der Erhaltung und Restaurierung der Trockenmauern, auf denen sich die Runchett befinden.
Der Kontrast könnte nicht grösser sein, als wir uns eine Stunde später im Vortragssaal der Repower auf der anderen Seite von Poschiavo einfinden. Gianpaolo Lardi, Leiter der Produktion, empfängt uns mit einer Powerpoint-Präsentation über das Unternehmen, das heute in der Schweiz und in Italien rund 600 Mitarbeitende beschäftigt, davon 180 am Hauptsitz in Poschiavo. Die Repower ist aus der Fusion der lokalen Kraftwerke Brusio mit weiteren Bündner Energieunternehmen entstanden. Als wir 1992 in Poschiavo waren, stritten KWB-Direktor Karl Heiz und Pro Bernina Palü-Vertreter Andrea Lanfranchi über das damals geplante Pumpspeicherwerk auf dem Berninapass. Dieses Projekt ist heute in modifizierter Form wieder aktuell und nach einem Kompromiss mit den Umweltschutzorganisationen könnte jetzt gebaut werden. Doch die Strompreise sind zu tief und die Milliardeninvestition würde sich gegenwärtig nicht lohnen. Lardi betont, dass Repower den Standort Poschiavo halten möchte, auch wenn die Befürchtungen im Ort gross sind, dass sich der wichtigste Arbeitgeber immer mehr ins Unterland verlagert. Immerhin versucht sich die Repower als ökologischen und sozialen Vorzeigebetrieb zu positionieren, wozu die kürzlich vom Volk bestätigte Energiestrategie des Bundes gute Voraussetzungen schafft. So möchte Repower ihre Anteile an AKWs und thermischen Kraftwerken loswerden und verkauft nur noch erneuerbare Energien. Ebenso will die Firma ihre Stellung als innovativer Dienstleister im Energiebereich stärken.
Von Energie und Hochspannung wechseln wir daraufhin zu Bio und Kräutern auf den Hof von Reto Raselli. Hier hatte uns Andrea Hämmerle 1992 seine Bioland 2000-Botschaft verkündet, im gleichen Jahr, als Raselli auf Bio umstellte. Er ist seither ein Pionier der Bio-Bewegung in Graubünden und hat viel dazu beigetragen, dass Poschiavo heute mit fast hundert Prozent Bio werben kann. Auf ihrem Hof verarbeiten die Rasellis mit ihren zwölf Mitarbeitenden die Kräuter in der Erboristeria Biologica zu Tee, Gewürzen und Duftstoffen weiter. Raselli zeigt uns die Produktionsräume mit den verschiedenen Spezialmaschinen zum Trocknen und Schneiden der Blätter und Blüten. Er erläutert, dass die Trocknung langsam und bei relativ tiefer Temperatur erfolgen müsse, damit der Geschmack erhalten bleibe. Die Technologie stamme aus der Tabakverarbeitung und sei eigens für seinen Betrieb weiterentwickelt worden. Eine Diskussion ergibt sich mit dem Biobauer wegen der Nylon-Pyramiden, in denen auch er seine Teeportionen abpackt. Ist das wirklich nötig? Gäbe es nicht auch andere Möglichkeiten? Salecina zum Beispiel bezieht bei Raselli den Tee in grossen Packungen und die Gäste schöpfen sich ihre Portionen selber.
Raselli war einer der Initianten der Kooperation „100% Valposchiavo“, in der sich zehn Gastbetriebe zusammengeschlossen haben, und das uns Tourismusdirektor Kaspar Howald vorstellt. Damit verpflichten sich die beteiligten Betriebe, den lokalen Spezialitäten auf den Speisekarten einen ganz besonderen Platz einzuräumen: Mindestens drei Gerichte müssen ausschliesslich aus Zutaten bestehen, die im Tal angebaut und verarbeitet werden. Dann spazieren wir durch die ausgedehnten Felder zum Lago di Poschiavo, wo ein feiner Apéro mit Produkten aus der Region auf uns wartet, 100% Poschiavo eben.
Den spannenden Nachmittag im Valposchiavo beschliessen wir in der Galleria der Pro Grigioni Italiana an der Piazza Communale, wo uns Kaspar Howald Gelegenheit gibt, einen Blick in die Ausstellung des Zürcher Fotografen Willy Spiller zu werfen, die morgen eröffnet wird. Spiller hat mit viel Feingefühl Puschlaverinnen und Puschlaver verschiedenen Alters und Geschlechts portraitiert.