Der Nationalpark Hohe Tauern und das Mölltal, Sommergespräch im Schlössl Grosskirchheim am 5. Juli

Im Schlössl in Döllach empfängt uns Hausherrin Maria Sauper mit einer Führung durch das stilvoll renovierte Nebengebäude des aus dem 16. Jahrhundert stammenden Döllacher Schlössl. Lange Zeit hatten hier – reich geworden mit dem Bergbau – die einflussreichsten und wohlhabendsten Familien des Mölltals ihren Sitz. Im Salon begrüsst Maria Sauper die Gäste des heutigen Abends: Peter Rupitsch, Direktor des Nationalparks Hohe Tauern (Kärnten), Melitta Fitzer, Gemeinderätin in Winklern und der Döllacher Harald Pfister, der im Ruhestand aus Wien ins seine alte Heimat zurückgekehrt ist.
Als Thema des Abends waren eigentlich aktuelle Fragen des Nationalparks Hohe Tauern vorgesehen. Doch wie bereits einige Male, entwickelt sich das Gespräch anders als ursprünglich geplant. So kommen wir zuerst auf Döllach und das Mölltal zu sprechen. Heute Teil der Gemeinde Grosskirchheim, war Döllach einst Hauptort des Mölltals und hatte zur Zeit der Hochblüte des Bergbaus über 4000 EinwohnerInnen. Heute kämpft der Ort wie das gesamte Mölltal gegen die Abwanderung. Peter Rupitsch, gebürtiger Mölltaler, erwähnt die mangelnde Eigeninitiative der Einheimischen. Im Mölltal seien alle wichtigen Neuerungen von aussen gekommen, angefangen bei der Erstbesteigung des Grossglockners, über die Wasserkraftwerke und die Skigebiete bis zur Grossglockner Hochalpenstrasse und zum Nationalpark. Heute gebe es keine einzige für Gäste bewirtschaftete Alm und in Heiligenblut stünden viele Hotels zum Verkauf. Melitta Fitzer sieht demgegenüber mehr Potenzial und weist darauf hin, dass auch neue Initiativen entstanden seien, so eine erfolgreiche IT-Firma in Winklern. Sie schätze das grosse Naturgebiet mit seinen interessanten Menschen und führt an, dass Leute aus den grossen Städten solche Qualitäten heute suchten. Sie engagiert sich auch für die erfolgversprechende Initiative des Mölltaler Kurzgeschichten Festivals.

Nun verlagert sich das Gespräch auf das Thema Nationalpark und Peter Rupitsch gibt uns einige Basisinformationen. Am Sitz des Nationalparks im vor einem Monat eröffneten Verwaltungsgebäude – im zukunftsweisenden Plusenergie-Standard erstellt – arbeiten rund dreissig Personen, der Nationalpark ist einer der wenigen Arbeitgeber der Region mit Stellen für gut qualifizierte MitarbeiterInnen. Rupitsch ist seit 1984 für den Nationalpark tätig, er war damals der erste vollamtliche Nationalpark-Mitarbeiter in ganz Österreich. Er erwähnt schmunzelnd, dass er in seiner über dreissigjährigen Amtszeit zehn Umweltminister, sieben Landeshauptleute und neun Landesräte „überlebt“ habe. Maria Sauper, damals Wirtin im Döllacher Schlosswirt, erinnert sich, wie der Kärntner Teil 1984 als erstes Gebiet in den Hohen Tauern zum Nationalpark erklärt wurde. Dabei seien zuvor die privaten Grundbesitzer geschlossen gegen den Nationalpark gewesen. Hätte der Alpenverein nicht die spätere Kernzone rund um den Grossglockner besessen, hätte es für den Nationalpark schlecht ausgesehen. Ihr Vorpreschen sei den KärtnerInnen zwar als Alleingang vorgeworfen worden, die Eröffnungszeremonie im Döllacher Schlosswirt sei ihr aber trotzdem in guter Erinnerung geblieben.
Dominik wirft das Thema Wildnis im Nationalpark auf, und es kommt zu einer intensiven Diskussion zwischen Nationalparkdirektor Rupitsch und Melitta Fitzer, die als offizielle Vertreterin der Grundbesitzer gegenüber dem Nationalpark auftritt. Rupitsch gibt zunächst bedenken, dass die Wildnis in den Hohen Tauern ein schwieriges Thema darstelle, da diese bis in hohe Lagen und seit langem keine Natur-, sondern eine Kulturlandschaft darstellten. Für die Naturschutzsarbeit im Nationalpark eigne sich daher der Begriff Wildnis nicht, da er unter den Beteiligten falsche Assoziationen auslöse. Besser sei es, von Prozessschutz und freier Naturentwicklung zu sprechen. Schutzstrategien sollten auf Freiwilligkeit und Vertragsnaturschutz basieren, hoheitliche Verordnungen hätten keine Chance. Dass aber ganz praktisch in dem Thema viel Potenzial drin steckt, zeige der jährliche erfolgreiche Tag der Artenvielfalt, an dem viele Fachleute und Laien beteiligt seien.
Melitta Fitzer merkt kritisch an, dass die Grundbesitzer grosse Mühe hätten, ihre Flächen ausser Nutzung zu stellen, auch bei finanzieller Abgeltung durch den Nationalpark. Im Vordergrund stünden für sie weiterhin konventionelle Nutzungen der Land- und Forstwirtschaft. Hierbei spiele auch eine Rolle, dass die Höhe der vom Nationalpark ausbezahlten Förderungen für die Bauern finanziell zu wenig interessant sei. Auf der jetzigen Basis sei es für die Grundbesitzer undenkbar, weitere Flächen für den Nationalpark zur Verfügung zu stellen.
Peter Rupitsch stellt daraufhin die grundsätzliche Frage, wo der „grosse Strich“ zu ziehen sei, also wo in der Fläche die Nutzung aufhören und der Schutz beginnen solle. Er könne nicht verstehen, warum sich die Grundbesitzer nicht auf diese Diskussion einliessen, denn eine solche Kooperation mit dem Nationalpark könnee für sie mittelfristig finanziell interessanter sein als was gegenwärtig laufe. Wenn der Nationalpark und die Grundbesitzer gemeinsam auftreten würden, bestünde für den Bund gar keine andere Möglichkeit, als die Aussernutzungstellung von Flächen mit zusätzlichen Finanzen zu entschädigen. Zwar kann der Nationalparkdirektor die Vertreterin der Gundbesitzer mit seiner Argumentation nicht restlos überzeugen. Dennoch haben wir am Schluss des Abends den Eindruck, den Anfang eines neuen, in die Zukunft weisenden Diskurses miterlebt zu haben.
Unter der Leitung von Maria Sauper und Harald Pfister führt die neugegründete Vereinigung Pro Mölltal dieses Jahr erstmals Sommergespräche im Schlössl Grosskirchheim durch. Nachdem unsere Diskussion so spannend und inhaltsreich verlaufen ist, erklärt Hausherrin Maria Sauper den heutigen Abend kurzerhand zum „Sommergespräch im Schlössl Grosskirchheim“ und bittet uns um einem entsprechenden Eintrag in ihrem Gästebuch. Dieser Bitte kommen wir gerne nach und verabschieden uns von unserer liebenswürdigen Gastgeberin und den anderen Gästen mit dem Versprechen, wieder einmal ins Schlössl zurück zu kehren.

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