Wer ist dieser Kyselak? Blog von Gerhard Stürzinger

Am 5. Tag unserer Alpenwanderung von Muggendorf nach Rohr im Gebirge (was bei den Schweizer Freunden zu verblüfften Fragen nach einem Gebirge führte) kamen wir nach einem steilen, bewaldeten Anstieg zu einer Wegkreuzung, die in den Landkarten mit Bettelmannkreuz bezeichnet ist. Harry, der uns diesen interessanten Umweg beschert hat, liest aufmerksam die Inschrift (Bild 1).
Ich dagegen sehe sofort am unteren Rand eine Inschrift „I. KYSELAK“ (Bild 2).
In meinem altersschwachen Hirnkastl macht es dennoch Klick und das Bild eines alpendurchwandernden „Vorfahren“ erscheint vor mir.
Weil ich ja fürs Erste nur eine Woche mitwanderte, konnte ich in den darauffolgenden Tagen im Internet recherchieren. Und siehe da – vor wenigen Jahren war eine neue Ausgabe der Reisebeschreibungen des Herrn Kyselak erschienen, die ich auch sofort bestellte. Daher bin ich heute in der Lage, euch von diesem Geistesverwandten aus Wien zu erzählen:
Sein Geburtsjahr dürfte 1799 gewesen sein, seine Schullaufbahn kann mit Gymnasium und etwas Universität beschrieben werden. Nachdem er 1818 als Praktikant in der Verwaltung des kaiserlichen Familienfonds begann, bekam er 1825 eine feste Stelle als Registratursaccesist. Er lebte bei seiner Mutter, war unverheiratet und starb mit erst 32 Jahren an der Cholera. Zu dieser Zeit wurde bereits ein Verzeichnis der Bücher- und Kartensammlung Kyselaks erstellt: etwa 2000 Werke darunter die wichtigsten Reiseberichte, Karten und Atlanten seiner Zeit waren vertreten und vermitteln den Eindruck, dass Kyselak sich intensiv auf seine Wanderungen vorbereitet hat.
August 1825 ging er auf seine „große Reise“: Wien – Niederösterreich – Steiermark – (heutiges) Slowenien – Kärnten – Salzburg – Bayern – Tirol – Südtirol – Tirol – Bayern – Salzburg – mit dem Boot über Salzach, Inn und Donau bis Krems – Wien, wo er etwa im November eintrifft. Er hat sowohl vorher als auch nachher Reisen unternommen; die Reise von 1825 ist allerdings aufgezeichnet und 1829 publiziert worden.
Erstaunt stelle ich fest, dass Kyselak einen Rucksack von nur etwa 9 kg (inklusive Gewehr) mit sich trug und dass er durchschnittlich beim Wandern 40 km pro Tag schaffte: Ein Tag, aus dem Zillertal nach Sterzing, dürfte sogar über 70 km betragen haben! Er interessiert sich für die Landschaft, die er sehr emotional beurteilt, und deren Bewohner. Für schwierige Passagen nimmt er sich einheimische Führer.
Eine Besonderheit hebt ihn aus der großen Zahl von Reisebeschreibungen seiner Zeit hervor: Kyselak hat sich an unzähligen und meist schwer zugängliche Stellen mit seinem Schriftzug I.KYSELAK verewigt. Manche davon sind bis heute erhalten. In die Sprache des Joseph Kyselak und seine Betrachtungsweise musste ich mich richtiggehend einlesen.
Die Inschrift, die wir übrigens in Niederösterreich gesehen haben, ist sicherlich keine originale „Kyselak-Signatur“.

Drei Stellen aus dem Buch (KYSELAK, Skizzen einer Fußreise durch Österreich, herausgegeben von Gabriele Goffriller, Jung-und-Jung-Verlag, Salzburg 2009) möchte ich als Kostprobe zitieren. Sie betreffen Orte, die wir auch bei Whatsalp erlebt haben.

Gasteinertal
Ich hatte mich satt gesehen und gehört, an dem stürmischen Heilorte, und wanderte mit dem frommen Wunsche, daß allen Anwesenden so rüstig fortzuschreiten vergönnt wäre, nach Badbrucken hinab. Dieses Dörfchen mit seinen Mühlen und Bäckereien bietet wenig Reiz; desto mehr Nahrung spendet die Umgebung. Fette Wiesen, Ackergründe, forellenreiche Bäche durchziehen das weite Tal bis zu dem anderthalb Stunde entlegenen Hofgastein. Pferde, wie ich sie nur beim Schiffzuge sah, zogen hier mit der Kraft von Elephanten den kreischenden Pflug; das Hornvieh glänzte vor Pflege und Wohlstand; nur die Menschen schienen den glücklichen Wechsel minder zu fühlen; stille und in sich gekehrt verrichteten sie die Feldarbeit, und wollten für sich und Andere keine Auf¬merksamkeit erregen.
Die kleinen Örtchen Remsach, Gadaunern, dann Heißing und Feiding, welche die Straße besäumen, fand ich auf keiner Karte, sie dürften also neuesten Ursprungs sein. Endlich erreicht man Hofgastein. Dieser finstere Markt, der nebst sehr alten Häusern auch einen großen Kirchhof besitzt, dessen zahlreiche Trophäen zum Teile im neuesten Stil glänzen, könnte füglich als Ursache der Traurigkeit der Umbewohner gelten, so wie die Zuflucht der Kranken nach Gastein weniger erfreulich machen. Ich erfuhr auch wirklich vom Grabwärter, daß mehrere der schönen Monumente ihre Existenz den hier Genesung suchenden Fremden zu danken hätten. Natür¬lich können unter vielen Kranken nicht alle gesunden!
Bis hierher soll vor Zeiten das Badwasser geleitet worden, und dies zu erneuern, nun abermals der Antrag sein; die Häuser und Menschen würden dadurch bald ein lustigeres Ansehen gewinnen.
Die prächtige Fahrstraße währet fort über die Dörfchen Lader¬ding, Harbach und Dorfgastein. Hier beginnen die ganz hölzernen Häuser, deren höhere, mit bretternen zierlich ausgeschnittenen Gän¬gen beim ersten und zweiten Geschoß umfangen werden. Bisweilen bilden diese Galerien die Vorratskammern für Mais, Klee, Flachs, Holz u. d. gl., man sieht dadurch gar kein Fenster, und fürchtet, die Häuschen müßten umstürzen vor dieser überhängenden Last, die man hier am bequemsten aufzubewahren glaubt. Das beinahe fla¬che Dach besteht aus neben einander gelegten mit schweren Steinen belegten Brettchen; man erspart dadurch kostspieliges Eisen, und sichert, daß der Wind weniger die Dachung enthebe. Freilich durch¬drückt oft solch ein schwerer Stein das mürbe Dach, oder rollt hinab auf Menschen und Vieh, und erregt größeres Unheil, als hätte der Sturm das ganze Dach geraubt; allein das Unglück findet überall seine Wege, und wer es am meisten fürchtet, ist zuerst sein Gefan-gener. Im Wildbade Gastein mögen jedoch einige dieser Dächer die Hipochondristen nicht wenig ängstigen, ich finde sie daher dort mehr, als im ganzen Salzburgischen und Teilen von Tirol anstößig.

Sterzing
Von Wiesen kommt man in die kleine Ebene von Sterzing, auf welcher, das Moos genannt, 1809 Heldentaten der Tiroler spielten. Es war bereits Abend, dunkle Schatten zogen vom jenseiti¬gen Telferberge ins Tal, Sterzings Glocken riefen zum Gebet, ein¬greifend sprach der Klang in die Täler und in mein Herz. „Es ist der Schöpfung Leichenzug, welcher den Tag zu Grabe bringt, damit er verherrlicht wieder entkeime, wie die Taten der hier gefallenen Edlen.“ Der Eisack, das kleine Sterzing mitten durchdringend, strebte kräftiger jetzt, das prahlende Wort zu führen in der zuneh¬menden Stille; der kaum dem Brenner Entsprungene vergaß, daß auch seine Fluten in dem Völkerkriege durch abgerollte Stämme und Felsenstücke, welche dem Feinde galten, im Lauf bezwungen wurden. Die Bergwerke Sterzings, obgleich gegen ehemals beträcht¬lich im Nutzen gesunken, machen die Stadt doch immer noch wohlhabend; was man zum Teile in den stark besuchten, mit guten Speisen und Trank versehenen Gasthäusern erkennt58. Gassen und Häuser führen zwar kein hochtrabendes Ansehen, demohngeachtet kann man ihren Bewohnern eine gewisse Art Stolz, in Handlungen und Redensarten, vor andern Tirolern nicht absprechen.

Passeyerthal.
Nun betrat ich einen Nadelwald, dessen finsteres Haupt hie und da ein kahler Fels überragte; schauerlich predigte darin, ungesehen von mir und der Welt, ein gewaltig erzürnter Bach Verderben dem zerknirschten Tale. Die mächtigen Stämme schienen erbost über den Unversöhnlichen, und schlugen mit den Wipfeln drohenden Takt, um Gegenkraft ihm zu zeigen; der Felsgrund zitterte, zer¬bröckeln konnte der Berg. So warf der kleine Körper großer Seelen einst die um sich fressende Hydra in Ketten, weil er Mut genug besaß, sie anzugreifen!
Aus des Waldes Dickicht tretend, haftete mein staunendes Auge auf den Seltenheiten Passeiers. Überzeugt, daß nur wenig Hütten60 in der engen Talkluft Platz fänden, siedelten die anderen höher und höher, wie sie das Bedürfnis nach einander erschuf, auf die steilen Bergwände; ein Stück Wiese, Hafergrund oder Kohlgarten, war dem bescheidenen Alpler genügend, um von dem lang geprüf¬ten Nachbarn nicht scheiden zu müssen. Manche scheinen ausge¬stoßen und hängen, wie verbannt, neben oder auf einem zackigen Fels, von dessen Ruhe das Leben der Hüttler abhängt – man schonte die Plätzchen Erdreichs, der Hütte am Felsen zu nützen. Wohl möchte mancher Städter anstehen, selbe nur um etlichmaliges Hinaufsteigen zu kaufen, indes, sie von ihren Bewohnern doch so teuer angeschlagen wurden!
Aus Seen und von Schneefeldern eilen allenthalben geschäftige Bäche herab, in diesem Tale die Pässe zu lösen; sie wollen damit in Italiens Firnen sich brüsten, und üben hier schon das Ringen, obgleich sie damit die Heimat verwüsten.
Die Bewohner, abgestoßen durch der Natur Zwistigkeiten, ket¬ten sich ebenso fest an einander. Ob auch Schönna, Glaneg, Rain, Gries, Moos ec. von dem Dörfchen Passei im Namen sich sondern, so sind sie doch ein Herz, ein Sinn; dies denken sie bewiesen zu haben, schiene meine Behauptung zu voreilig. Das Passeiertal erstreckt sich bis Meran auf eine Strecke von ohngefähr sieben Stunden; ich glaube aber, daß die wesentlichste Veränderung das Größerwerden des gleichnamigen Flusses bewirke.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.