Gespräch mit Laurent Malthieux vom Nationalpark Mercantour am 26. September in Camp d’Argent

Der gross gewachsene Laurent Malthieux mit seiner Baskenmütze und der Nationalparkuniform ist eine eindrückliche Gestalt. Das Tragen der Uniform sei obligatorisch, aber in der Wahl der Kopfbedeckung sei er frei, erklärt er uns. Auf seiner Brust prangt ein Abzeichen der Police de France und Laurent betont denn auch gleich, dass er für einen Teil seiner Arbeit der nationalen Polizei unterstellt sei. So sei er offiziell ermächtigt, bei den Gemeinden Anzeigen gegen Personen zu erstatten, die sich nicht an die Parkvorschriften und Umweltgesetze halten. Laurent arbeitet seit zwanzig Jahren als Garde Moniteur im Sektor Roya des Nationalparks Mercantour, er hat sozusagen eine Mittelstellung zwischen Ranger und Aufseher inne. Vor seiner Anstellung beim Nationalpark war er als Ornitologe für eine Naturschutz-NGO tätig gewesen.
Der Nationalpark Mercantour wurde 1979 gegründet und besitzt eine Fläche von 146‘500 qkm, davon 68‘500 qkm streng geschützte Kernzone. In der Parkverwaltung mit Hauptsitz Nizza arbeiten rund sechzig Mitarbeitende, davon die Hälfte draussen im Gelände. Die Finanzierung erfolgt durch den französischen Staat, projektbezogen auch durch das Fürstentum Monaco. Das Parkgebiet ist in fünf Sektoren eingeteilt, in jedem Sektor besteht ein Parkbüro und ein Informationszentrum, das gemeinsam mit dem Tourismus betrieben wird. Die Parkveraltung unternehme grosse Anstrengungen zur Förderung des Tourismus, die neue Leitung des Nationalparks habe die Kommunikation gegenüber den BesucherInnen zu einer ihrer ersten Aufgaben erklärt.
Unser Informant merkt kritisch an, dass der Mercantour wie die anderen französischen Nationalparks seit Jahren von immer grösseren Sparmassnahmen betroffen sei. Jedes Jahr werde mehr Personal abgebaut und würde Fachpersonal durch Saisonniers ersetzt. Eine Folge davon sei, dass der Park einige Grundaufgaben kaum mehr bewältigen könne. So gebe es zwar ein Reglement, welches die Nutzung in der Umgebungszone (zone d’adhérence) regelt. Mangels Personal könne dessen Einhaltung jedoch nicht kontrolliert werden.
Wie die anderen Nationalparke in den französischen Alpen wurde auch der Nationalpark Mercantour u.a. geschaffen, um der ausufernden Entwicklung der Skistationen Einhalt zu gebieten. Dieser Umstand lässt besser verstehen, warum hier die Nationalparke oft direkt und übergangslos an die grossen Retortenstationen anschliessen. 2006 verabschiedete die französische Regierung ein neues Nationalparkgesetz, welches die strengen Schutzbestimmungen aufweichte und den Gemeinden mehr Mitbestimmung zubilligte. Im Gegensatz zum Vanoise-Nationalpark, den wir vor einem Monat besuchten, hat im Mercantour eine Mehrheit der Gemeinden die neue Park-Charta ratifiziert, welche die wichtigsten Fragen rund um den Nationalpark regelt.
Wir fragen Laurent Malthieux nach den grössten Herausforderungen, die sich heute für die Nationalparkverwaltung ergeben. Er nennt an erster Stelle die Forstwirtschaft, danach die Jagd und die Landwirtschaft, dies v.a. in den Sektoren Roya und Ubaye. Auch der Tourismus und der Autoverkehr verursachten Probleme, aber diese seien von weit geringerer Natur. Der Parkvertreter berichtet von der grossflächigen Rodung von alten Wäldern im Perimeter des Nationalparks seit den 1980er-Jahren, mit Genehmigung der nationalen Forstbehörde und unter Duldung des Nationalparks. Davon seien auch bis zu 500 Jahre alte Ligurische Tannen (sapinières ligures) betroffen, eine Besonderheit, die in Frankreich selten geworden sei. Im Mercantour sei diese Baumart insbesondere in den Tälern Roya, Bévéra und Vésubie anzutreffen. Weder die Medien noch die Umweltschutzorganisationen hätten darauf reagiert und die Rodungen gingen immer noch weiter.
Weitere ungelöste Probleme seien die illegale Jagd in der Kernzone und die zu intensive Beweidung der Kernzone, weil sich die Schafhalter nicht an die Vorgaben des Nationalparks bezüglich Grösse der Herden hielten. Über den Wolf dürfe er nicht sprechen, das sei eine der Domäne der staatlichen Jagdverwaltung. Laurent erinnert an den „Loup de Fontan“, der 1987 als erster Wolf in Frankreich in Fontan im Roya-Tal getötet wurde. Er verrät uns dann aber doch, dass es im Nationalpark mehrere Dutzend Wölfe gebe; für die in grosser Zahl gerissenen Schafe zahle der Staat den Besitzern eine Entschädigung. Bezüglich Verkehr funktioniere die Kontrolle der streng beschränkten Fahrpiste zum Vallée des Merveilles relativ gut, während es bei einigen anderen Zufahrten zur Kernzone eine unüberschaubare Zahl von Bewilligungen gebe. (Mitwandernden von whatsalp wurde in einem Hotel im Tal eine Taxifahrt bis vor die Merveilles-Hütte in der Kernzone angeboten).
Im Sektor Roya sei das Vallée des Merveilles mit 25 – 30‘000 BesucherInnen der touristische Hotspot des Nationalparks. Darum wolle der CAF die Cabane des Merveilles mit heute jährlich rund 6000 Übernachtungen neu bauen und mit moderner Umweltschutztechnik ausrüsten. Das sei ein guter Schritt, nicht gelöst sei aber das oberhalb der Hütte erlaubte Biwakieren, da es dafür keine Toiletten gebe.