Berggebiete – wohin? Neue Identitäten und Kulturinitiativen in den Alpen. Bergeller Tagung im Ferien- und Bildungszentrum Salecina/Maloja

Nachdem in Salecina bereits 2016 eine alpenpolitische Kulturtagung stattgefunden hatte, findet in Salecina im Rahmen von whatslap eine zweite Kulturtagung statt. Mit drei Tagen ist es unser längster Unterbruch auf der ganzen Wanderung. Eine Vorbereitungsgruppe, in der Patrik Schönenberger und Hans Weber von der CIPRA Schweiz, Maurizio Michael aus dem Bergell, Antonio Galli von Salecina und Dominik von der whatsalp-Kerngruppe mitmachten, hat nach vielen Diskussionen das Programm zusammengestellt. Patrik Schönenberger begrüsst die Teilnehmenden und erläutert zu Beginn die Idee der Salecina-Tagung. Er betont, dass Kulturprojekte etwas schaffen können, das die Identität der Bergtäler stärkt. Die Bedeutung vielfältiger Initiativen soll ausgelotet werden. Anhand konkreter Beispiele können entsprechende Handlungsmöglichkeiten diskutiert werden.
Cassiano Luminati vom Polo Poschiavo, der uns vor ein paar Tagen bereits im benachbarten Südtal empfangen hat, unternimmt eine alpenpolitische Standortbestimmung. Er erwähnt die neue europäische Strategie EUSALP, welche die Grossregionen in und um die Alpen umfasst. Er betont die neuen Chancen mit EUSALP, weil darin die Regionen stärker zum Zug kämen. Es sei interessant, dass mit dieser Strategie die Berggebiete mit den urbanen Regionen verknüpft würden. Er weist aber auch auf die Risiken hin, die mit einer Strategie verbunden seien, in welcher die Alpenregionen nur noch eine kleine Minderheit darstellten. Die Initiative SMART Bio Valley Poschiavo verortet er im Rahmen von EUSALP und betont, dass das Puschlav davon profitieren könne.
Der Polo Poschiavo, den Luminati leitet, ist ein Kompetenzzentrum für Weiterbildung und Projektentwicklung im Valposchiavo, mit einer Aussenstelle im Bergell. Das 2001 lancierte und vom Kanton Graubünden unterstützte Projekt baut auf der Vorgängerinitiative Progetto Poschiavo auf, in deren Rahmen 1995-2000 neue Technologien in Randregion eingeführt wurden. Die wichtigsten Handlungsfelder, in denen zahlreiche Projekte laufen, sind Regionalentwicklung über Bildung, Bereitstellung neuer Technologien, Sensibilisierung für lokale Realitäten und Minderheiten, Förderung öko-urbaner Projekte. Zentral sind Weiterbildungsangebote für Jugendliche in der Region, damit sie gleiche Kurse nicht in deutscher Sprache in Chur absolvieren müssen. Luminati betont, dass zu Beginn des Polo Poschiavo die Zusammenarbeit mit der CIPRA sehr wichtig war.
Anschliessend präsentiert Dominik die wichtigsten bisherigen Erfahrungen von whatsalp. Er berichtet über die überraschend vielen Projekte zur Qualitätslandwirtschaft, die whatsalp besucht hat. Und weist darauf hin, dass die Situation heute im Vergleich zu 1992 sehr viel anders sei. Es gebe kaum mehr Bürgerinitiativen, welche sich vor Ort gegen Grossprojekte wehrten. Das habe auch damit zu tun, dass viele Grossprojekte entweder realisiert oder nicht mehr aktuell seien. Aber eben nicht alle, und dort sei Widerstand weiterhin wichtig, wie das Beispiel der Alemagna-Autobahn zeige. Demgegenüber seien zahlreiche Initiativen und Projekte entstanden, welche eine positive Entwicklung in den Alpen vorantrieben: Naturpärke, Nationalparke, Kooperationsprojekte mit der Landwirtschaft, Naturerlebnisangebote und Kulturinitiativen. Insgesamt sei dem whatalp-Team die starke Zunahme des Freizeit- und Transitverkehrs aufgefallen, neue Strassen führten zu noch mehr Umweltbelastung als bereits 1992.
Am späteren Nachmittag brechen die rund dreissig SeminarteilnehmerInnen nach Maloja auf, wo um 18.30 Uhr unter dem Titel „Wertschöpfung und Wertschätzung? Die Bedeutung der Kultur für die Berggebiete“ zwei Vorträge mit Podiumsdiskussion stattfinden. Die Mehrzweckhalle ist mit Einheimischen und Gästen gut gefüllt, als Daniel Müller-Jentsch die neue Berggebietsstudie der rechten Denkwerkstatt Avenir Suisse vorstellt. Die Studie beschäftigt sich mit aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen des Schweizer Berggebietes, wie den Folgen des Strukturwandels im Energiesektor und im Tourismus, des demographischen Wandels und des Zweitwohnungsgesetzes. Müller-Jentsch sieht damit zentrale Quellen der Wertschöpfung im Berggebiet in Frage gestellt. Er macht einige Vorschläge, mit denen die Probleme angegangen werden sollen. Besonders interessant erscheint uns die Idee, die ZweitwohnungsbesitzerInnen vermehrt in die Diskussion über die Entwicklung der Berggemeinden einzubeziehen, da diese für den Wandel ein wichtiges Potenzial darstellen können.
Der Kulturwissenschaftler Bernhard Tschofen von der Universität Zürich hält ein Koreferat und präsentiert eine Reihe von provokativen Thesen. Für ihn gibt es kaum einen besseren Ort, um über Kultur nachzudenken, als Maloja an der Grenze zwischen den Kulturen. Doch zunächst stellt er den Titel der Veranstaltung in Frage und weist darauf hin, dass es nicht um entweder Wertschöpfung oder Wertschätzung gehe, sondern dass beides wichtig sei. Er stellt zudem die rhetorische Frage, ob das Unterland die Berggebiete überhaupt noch benötige. Dies vor dem Hintergrund der massiven Kürzung des Bundesamtes für Kultur am Alpinen Museum in Bern, was den Weiterbetrieb dieses wichtigen „Ortes des intelligenten Grenzverkehrs mit dem Berggebiet“ grundsätzlich in Frage stelle.
Sodann fällt Tschofen auf, dass in der Studie von Avenir Suisse der Kultur so gut wie keine Bedeutung zukomme. Dabei sei es wichtig Klarheit zu schaffen, was wir unter Kultur überhaupt verstünden. Ein normativer Kulturbegriff von Kultur als Wertesystem, der Unterscheidungen ermöglicht? Ein funktionaler Kulturbegriff, der Kultur als Überbau versteht? Oder ein holistischer moderner Kulturbegriff, mit Kultur als Lebensweise? Ein Überhang an Tradition mit Bezug auf eine vormoderne Ordnung im Kulturverständnis führe zu touristischen Formen der Kultur. Die Existenz einer spezifisch alpinen Kultur stellt Tschofen grundsätzlich in Frage, vielmehr gebe es Kultur in verschiedenen Zusammenhängen, also im Berggebiet, in der Agglomeration, in der Stadt usw. Kulturelle Millies seien geprägt durch gesellschaftliche Schichten, die Vorstellung einer alpinen Kultur verschleiere daher soziale und wirtschaftliche Identitäten und Realitäten. So stellt er auch die „Heritarisierung“ der Alpen, also die Auszeichnung von Landschafts-, Natur- und Kulturwerten mit Labels in Frage. Der Käse sei nachher nicht mehr derselbe, und auch die den Käse machten nicht.
Tschofen schliesst mit dem Gedicht „Alpenblüten“ der in Galizien geborenen und in Zürich verstorbenen jüdischen Schriftstellerin Mascha Kaléko (1907-1975) aus Mitte der 1930er Jahre:

Das Edelweiss hat jeder gern,
Ich find es ziemlich fade.
Es blüht am Hut des Alpenherrn
Im Land der Schokolade.

Auch da wo man den Plattler tanzt,
gedeiht die Blum aus Filz gestanzt
Nebst Rassenhass und Loden
Und andern Jodelmoden.

An der anschliessenden Podiumsdiskussion nehmen der Leitung der Kulturjournalistin Diana Segantini, SP-Nationalrätin und Salecinarätin Silva Semadeni, Alessandro Della Vedova, Gemeindepräsident Poschiavo und CVP-Grossrat, Andrea Crüzer, Vizepräsident der Gemeinde Bregaglia (Gemeindepräsidentin Anna Giacometti weilt in den Ferien) teil. Es kommt allerdings nicht zum erhofften kontroversen Gespräch über die Avenir Suisse-Studie und die Diskussion verläuft weitgehend in Harmonie. Semadeni findet es wichtig, dass Avenir Suisse das Berggebietsthema aufgreift und betont gleichzeitig, dass es wichtig gewesen sei, den Zweitwohnungsbau zu stoppen, weil es so nicht weitergehen konnte. Della Vedova sieht Kultur als einen Mix von grossen und kleinen Projekten, da wir von mehr lebten als nur vom Geld. Und Crüzer weist darauf hin, dass das Bergell zwar vom Engadin profitiere, dass er aber das Puschlav als Vorbild sehe. Müller-Jentsch wünscht sich manchmal etwas mehr Verständnis für ökonomische Zusammenhänge, während Tschofen moniert, dass wir noch zu wenig wüssten über unsere emotionale Beziehung zu den Alpen.
Es folgen einige Wortmeldungen aus dem Publikum, so vom Bergeller Gian Walter, der mehr Offenheit für die anderen Kulturen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit fordert. Maurizio Michael bemerkt zur Avenir Suisse-Studie, dass dieser die Seele und die Kultur fehle. Dabei sei doch Kultur ein fundamentales Element der Entwicklung, über das rein Ökonomische hinaus.
Am Mittwochvormittag geht die Tagung in Salecina weiter und es werden eine Reihe von Kulturinitiativen vorgestellt: das Festival Origen (Giovanni Netzer), das SAC-Kulturprojekt CRYSTALLIZATION 2018 (Jean Odermatt), das Projekt PlurAlps (CIPRA International), creativealps_lab / ZHdK, DiskursMuseum (Alpines Museum/berg_kulturbüro), der Polo Poschiatvo (Cassiano Luminati), das Projekt Florio-Soglio (Patrick Giovanoli) und das Migrationsprojekt (Patrik Schönenberger). Zum Projekt Origen fragen einige Anwesende kritisch, ob hier die Alpen nicht in einer neuen Form als Kulisse missbraucht würden. Netzer entgegnet, dass sich Origen durchaus bemühe, lokale Themen aufzugreifen. Er habe Schwierigkeiten mit der Vorstellung, die Alpen als Ort zu sehen, wo es kein professionelles Theater geben könne.
Die Tagung wird nach dem Ausflug nach Chiavenna am Donnerstagvormittag in Salecina fortgesetzt. In einem World Café werden folgende Fragen diskutiert: Inwiefern können die Kulturinitiativen Themen aufgreifen, die für die lokale Bevölkerung relevant sind? Wie können kulturelle Initiativen zur Dynamisierung des Verhältnisses von Ein-, Zweiheimischen und TouristInnen beitragen? Wie können Kulturinitiativen Mehrwert produzieren? Es entspinnt sich eine rege Diskussion, deren Quintessenz die CIPRA in nächster Zeit noch zusammenfassen will.
Abschliessend kommen die Teilnehmenden zum Schluss, dass Kulturinitiativen wie den vorgestellten für die zukünftige Entwicklung der Berggebiete – aber auch darüber hinaus – eine wichtige Bedeutung zukomme. Dabei sei die Vielzahl kleiner Initiativen mindestens ebenso wichtig wie grosse Events, was auch in der öffentlichen Kulturförderung berücksichtigt werden müsse. Kultur soll als Verhandlungsort für aktuelle Gegenwartsthemen verstanden werden, wie es das Alpine Museum für die Schweiz und für andere Alpenländer exemplarisch aufzeige. Gegen die Kürzung beim Alpinen Museum protestieren die TagungsteilnehmerInnen mit einem Mediencommuniqué.

Medienmitteilung der Tagung „Berggebiete wohin“

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