San Bernardino und Gitarre – von der Rofflaschlucht nach Vals

Wir verlassen die Rofflaschlucht in einer grösseren Gruppe, kurzfristig haben sich alte Freunde aus der Schweiz und aus Deutschland dazu gesellt. Zum dritten Mal in Graubünden befinden wir uns in einem Regionalen Naturpark, dem Parc Beverin mit Sitz in Wergenstein auf dem Schamserberg. Doch weniger der Naturpark, als vielmehr das Nationalparkprojekt Parc Adula beschäftigte hier in den letzten Jahren die Gemüter, bevor dieses im Herbst 2016 von den StimmbürgerInnen definitiv abgelehnt wurde. Auch wir sehen uns in nächsten Tagen immer wieder damit konfrontiert.
Gleichzeitig sind wir nun an der San Bernardino-Autostrasse und haben damit in der Schweiz zum ersten Mal eine wichtige Alpentransitroute erreicht. Der San Bernardino-Tunnel wurde 1967 als erste wintersichere Strassenverbindung zwischen der Nord- und Südschweiz eröffnet und feiert dieses Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag. Ein zwiespältiges Jubiläum, wie einige von uns meinen. Für die BewohnerInnen des Rheinwaldes brachte diese Strasse einschneidende Veränderungen: auf der einen Seite eine raschere und komfortablere Anbindung ans Unterland, auf der anderen Seite die dauernde Lärmbeschallung des ganzen Hochtales. Der Geschichte der San Bernardino-Route ist eine sehenswerte Ausstellung in Splügen gewidmet.
Unser Wanderweg verläuft auf der Via Spluga, mit welcher die historische Transitroute über den Splügenpass für Wandernde zugänglich und erlebbar gemacht wurde. Dieser Kultur- und Weitwanderweg war eines des ersten Tourismusangebote, welche in Zusammenarbeit mit der Organisation via storia entwickelt wurden und galt lange Zeit als Modellbeispiel für den sanften Tourismus. Für ein naturnahes Angebot finden wir die Route allerdings recht lärmig, sodass es in unseren Gesprächen nicht nur um den historischen Verkehr, sondern auch um den überbordenden Freizeit- und Transitverkehr in den Alpen geht.
Doch nicht nur der Verkehr prägt den Rheinwald, auch das Militär hat hier seine Spuren hinterlassen. So erreichen wir schon bald die ehemalige Festung Crestawald. Die meisten Mitwandernden haben keine Lust, die Anlage zu besuchen. Schliesslich wagen sich doch einige in die ausgedehnten Stollen hinein und besichtigen Unterkünfte, Kantine, Spital und Geschützstellungen. Werner lässt es sich nicht nehmen, sich an seine Militärzeit zurückzuerinnern und in eine alte Uniform zu schlüpfen. Auch als wir weitergehen, sehen wir die Spuren, die die Befestigungen für Jahrhunderte in der Landschaft hinterlassen, zum Beispiel die Panzersperre aus Beton, die quer durch das ganze Tal geht. Entlang der heute gut frequentierten San Bernardino-Autostrasse erreichen wir Splügen – nicht ohne vorher noch das obligate Foto der whatsalp-Gruppe an der Transitroute geschossen zu haben. Heute Nachmittag wird uns Andreas Simmen mehr über den historischen Passort und die Besonderheiten Hinterrhein berichten.
Am folgenden Morgen geht es weiter dem Hinterrhein entlang nach Nufenen. Linkerhand zweigt die Val Curciusa ab, nach dem Val Madris der zweite verhinderte Pumpseichersee, den TransALPedes auf Einladung der Arbeitsgruppe Val Madris-Cuciusa 1992 besucht hatte. Dieses Mal bleiben wir im Tal und erinnern uns an die damalige Übernachtung im Gasthaus Rheinwald, das immer noch direkt an der Strasse in demselben barackenähnlichen Bau untergebracht ist. Durch das Dorf geht es nun steil hinauf zum Valserberg, der früher wichtigsten Verbindung von Vals mit der Aussenwelt. Aufgrund des engen und steilen Zugangs von Norden lief der Handel der Valser über diesen Pass, das Hinterrhein und den Splügenpass nach Kleven (Chiavenna).
Vorbei an der ausgedehnten Hochfläche der Alp Pianätsch erreicht die whatsalp-Gruppe den Pass und steigt durchs Peiltal in Richtung Vals ab. Oberhalb des Ortes empfängt uns auf der Alp Uf dr Matta eine Delegation der Kulturstiftung Vals mit einem feinen Apéritiv. Der mitwandernde Musiker Ritschi hat seine Gitarre dabei und gibt spontan ein Konzert. Dann steigt Gruppe erheitert und teils besäuselt die letzten Meter nach Vals hinunter, wo sie am späteren Abend eintrifft.