Apfelplantagen, Pestizide und Bio-Kräuter – von Meran nach Glurns

 

In Meran sind am Vorabend neue Mitwandernde zu uns gestossen, so dass wir heute in einer grösseren Gruppe unterwegs sind. Unser letzter Tag in Südtirol führt uns mit dem Velo das ganze Vinschgau hinauf nach Glurns. Beeindruckt von der Weite der Landschaft dieses inneralpinen Trockentals mit seinen hohen Bergflanken radeln wir der Etsch entlang. TransALPedes-Kerngruppenmitglied Jürg Frischknecht, der 2016 verstorben ist, hatte uns dieses Tal zusammen mit Ursula Bauer mit dem Rotpunkt-Wanderführer „Schüttelbrot und Wasserwosser“ näher gebracht. Unser letzter Tag in Südtirol führt uns mit dem Velo das ganze Vinschgau hinauf nach Glurns. Der Vinschger Radweg ist gut ausgebaut und hat stellenweise den Charakter einer Velo-Autobahn, die ansprechende Tempi erlaubt. Wäre da nur nicht der starke Gegenwind, der uns die Kräfte raubt. Wir radeln entlang der Vinschgaubahn, die als Modellbeispiel für die Wiederinbetriebnahme einer Eisenbahnstrecke in den Alpen gilt. Die 1906 eröffnete Bahnlinie war bis 1960 in Betrieb, doch auch nach ihrer Schliessung gab es immer wieder Stimmen, die die Wiedereröffnung forderten. Nachdem die Strecke in den Besitz des Landes Südtirol übergegangen war, wurde sie saniert und 2004 wieder in Betrieb genommen. Der Erfolg war überwältigend und übertraf alle Erwartungen. Neben Pendlern und Touristen befördert diese Eisenbahn auch viele Radfahrer, welche im Tal unterwegs sind. Die Vinschgaubahn ist heute ein wichtiges Vorbild für die Sanierung weiterer Eisenbahnlinien in den Alpen, so derjenigen im Pustertal.

Zwischen Kastelbell und Latsch kommen wir am Gedenkstein vorbei, der an den tragischen Unfall vom 12. April 2010 erinnert. Eine Schlamm- und Gerölllawine hatte damals einen talwärts fahrenden Zug erfasst, worauf das gesamte Fahrzeug entgleiste. Bei dem Unfall wurden neun Menschen getötet und alle 28 weiteren Personen im Zug verletzt, sieben davon schwer. Auslöser des Unfalls war ein defektes Ventil an der Beregnungsanlage einer Obstwiese oberhalb der Unglücksstelle. Dadurch drangen grosse Mengen Wasser in den Hang ein, die diesen schliesslich in Bewegung setzten. Nachdenklich setzen wir unsere Fahrt fort.

Bereits bei der Kaffeepause hat uns ein Anruf einer Bäuerin aus dem Vinschgau erreicht. Sie hat von whatsalp heute früh im Radio gehört und lädt uns zu einem Besuch auf ihrem Hof ein. Gegen Mittag sind wir im Kräuterschlössl in Goldrain und lassen uns den innovativen Bio-Betrieb zeigen. Im Gespräch mit Annemarie und Urban Gluderer erfahren wir mehr über die Herausforderungen einer biologischen Landwirtschaft, die von intensiven Obstplantagen umgeben ist. Wegen der starken Pestizidbelastung durch die Nachbarn müssen die Gluderers ihre Kräuterfelder in Plastiktunnels einhausen. Bei den gegenwärtigen sommerlichen Verhältnissen heisst das Erntearbeit bei Temperaturen bis zu 48 Grad. Nach einigen Einkäufen im Hofladen verabschieden wir uns von den engagierten Kräuterbauern.

Im Hinblick auf die Veranstaltung in Mals waren wir sehr froh um diesen Augenschein im Kräuter Schlössl. Kilometerweit fahren wir nun durch die Obstplantagen weiter das Vinschgau hinauf, das Europa mit Äpfeln beliefert. Am Abend werden wir erfahren, dass diese Apfelmonokulturen für das Vinschgau eine relativ junge Erscheinung darstellen. Noch vor wenigen Jahrzehnten dominierten hier Grünlandwirtschaft und Ackerbau. Traditionelle Bewässerungssysteme mit Waalen stellten in diesem inneralpinen Trockental die Versorgung mit Wasser sicher. Am späteren Nachmittag erreichen wir durch das enge Stadttor ins Städtchen Glurns und quartieren uns im historischen Hotel Post ein.