Alte Skier, steile Gräben und erlesene Weine – von Mariazell über das Schutzhaus Vorderötscher nach Lunz

Als wir vor der grossen Basilika aufbrechen, präsentiert sich der steirische Wallfahrtsort Mariazell aufgeräumt und still. Dies im auffälligen Gegensatz zum gestrigen Sonntag, als angesichts von Tausenden von Besucherinnen und Besuchern, lärmigen Cars, Autos und Motorrädern nicht mehr viel von der heiligen Spiritualität eines Wallfahrtsortes zu spüren war. Heute begleitet uns Herbert Gross, Gemeinderat aus Mitterbach, ein Stück unseres Weges. Bis zu seiner Pensionierung war er Geschäftsführer des Skigebietes auf der Gemeindealpe und kennt die Gegend wie seine Hosentasche. Unser erstes Ziel ist es, mit möglichst wenig Asphalt von Mariazell nach Mitterbach zu gelangen. Doch – in Gespräche mit unserem Begleiter vertieft – verpassen wir schon bei einer der ersten Abzweigungen den Weg und müssen eine Zusatzschlaufe machen. Gross erzählt über die Gegend und aus seinem abwechslungsreichen Leben, u.a. wirkte er in den 1980er-Jahren beim Bau des Skigebietes von Gudauri in Georgien mit, und lädt uns dann spontan zum Kaffee zu sich nach Hause ein. Dort gibt er uns zu unserer Überraschung eine Führung durch seine Sammlung von bis zu über hundertjährigen Skiern, von denen er über die Jahre über 350 Paar erworben hat, dazu alte Skischuhe und viel historische Skiliteratur. Wir finden, dass das ein toller Fundus für ein schönes Skimuseum wäre.

Der weitere Weg führt uns zur ehemaligen evangelischen Schule von Mitterbach, wo eine im Zuge der Niederösterreichischen Landesausstellung gestaltete Ausstellung über die spannende Geschichte der ProtestantInnen in Mitterbach informiert. Adel und Klerus holten vor Jahrhunderten die protestantischen Holzknechte aus der Hallstadt-Gegend hierher, damit diese für sie den Wald bewirtschafteten. Deren andere Religion wurde geduldet und noch heute ist in Mitterbach rund ein Viertel der Bevölkerung evangelischen Glaubens.

Nun geht es hinein in den Naturpark Ötscher-Tormäuer. Während der Landesausstellung 2015 kam diesem grössten Naturpark Niederösterreichs eine Schlüsselstellung zu und zahlreiche wegweisende Projekte konnten realisiert werden. Dabei ist die Geschichte des Naturparks bemerkenswert, entstand er doch 1970 aus einer Protestbewegung gegen ein weiteres Wasserkraftwerk an der Erlauf, das zwischen Trübenbach und Gaming errichtet werden sollte, nachdem bereits mit dem Kraftwerk Wienerbruck nd dem Kraftwerk Erlaufboden ein Ausgleichsbecken in den Tormäuern errichtet worden war. Aus dem damaligen Schutzprojekt gegen die Zerstörung der einmaligen Ötscherlandschaft ist ein wichtiges Projekt für die ländliche Entwicklung in diesem Gebiet geworden. Unsere Wanderung führt über den Erlaufstausee in die Ötschergräben und dort zum Ötscherhhias hinunter (was so viel wie „Ötscher-Matthias“ bedeutet). Die Ötscherbasis am Talausgang, wo sich der Eingang und das neue Besucherzentrum des Naturparks befinden, lassen wir rechts liegen. Die Jausestation Ötscherhias wird an schönen Wochenenden von Hunderten von Gästen besucht, obwohl diese dazu mindestens zwei Wanderstunden unter die Füsse nehmen müssen. Die Wirtin berichtet, wie sich nach einer Sendung im Radio die Leute auf dem Wanderweg vor dem schmalen Steg über hundert Meter gestaut hätten. Allen Beteiligten ist klar, dass etwas geschehen muss, doch Verhandlungen zwischen den Inhabern und den Behörden über die Zukunft der Jausestation sind bisher ohne Ergebnis geblieben.

Wir verabschieden uns von Herbert Gross gehen auf schmalen Wegen, Steigen und Brücken den tief eingeschnittenen Ötschergraben hinauf. Der Naturpark ist hier für den Wegerhalt zuständig und konnte die Route in diesem schwierigen Gelände in den letzten Jahren wesentlich verbessern. Dennoch passieren wir immer wieder knifflige Stellen, wo tief unter uns der Ötscherbach rauscht und oberhalb steile Felswände aufragen. Nach einigen Wanderstunden steigen wir aus dem Ötschergraben hinaus und erreichen das auf einem Plateau schön gelegene Schutzhaus Vorderötscher. Auch dieses Haus wurde im Zuge der Landesausstellung sanft renoviert und erweist sich für uns als kleiner Geheimtipp. Die freundlichen HüttenwartInnen Sylvia Huttary und Gottfried Strallhofer servieren aufgespritzten Hollersaft und Bier und verwickeln uns in ein interessantes Gespräch über das Hüttenwartedasein in dieser einsamen Gegend. Es folgt ein ausgezeichnetes Abendessen mit einem erlesenen burgenländischen Blauburgunder, welchen die WirtInnen direkt vom Winzer beziehen.

In der abgeschiedenen Stille des Schutzhauses Vorderötscher schlafen wir gut und tief, sodass wir uns am nächsten Morgen frisch gestärkt an den steilen Aufstieg zum Riffelkamm machen können. Wir spüren, wie unsere Kondition in den letzten zehn Tagen zugenommen hat und kommen rasch voran. Bereits nach drei Stunden sind wir in Lackenhof, einem kleinen Skiort, den wir bereits vor 25 Jahren besucht hatten. Unterwegs erhalten wir noch Gelegenheit, uns mit der neuen Disziplin des „Snowfarming“ auseinanderzusetzen. 1992 ging es in einer Abendveranstaltung um den „Qualitätstourismus“, den Lackenhof nötig gehabt hätte. Heute sind im Ort fast alle Gasthäuser geschlossen und von einem neuen Qualitätstourismus ist nichts zu spüren. Bei einer Pause im einzigen Café, das wir offen finden, liegt der Kurier mit der grossen Reportage über whatsalp, auf die wir seit einigen Tagen gespannt warten. Konzentriert beugen wir uns über den Artikel und lesen die Zeilen, die Susanne Mauthner über unser Projekt geschrieben hat. Alle freuen sich über den tollen Auftritt, der whatsalp da ermöglicht wurde. Anschliessend ist es von Lackenhof über schöne alte Wege nur noch ein Katzensprung nach Lunz am See.

 

 

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